Bizet, Georges (Alexandre-César-Léopold)

* 25. Okt. 1838 in Paris
† 3. Juni 1875 in Bougival nahe Paris
Komponist


Bizet ist auf dem Standesamt als Alexandre César Léopold eingetragen; bei seiner Taufe am 16. März 1840 in Notre- Dame-de-Lorette erhielt er aber den Namen Georges. Sein Vater Adolphe Amand Bizet war in Rouen geboren und lebte dort als Friseur und Perückenmacher bis 1837. Später wurde er als Gesanglehrer bekannt; wahrscheinlich wandte er sich dem Musikstudium auf Veranlassung und unter der Leitung seines Schwagers François Delsarte zu. Bizets Onkel, ein bekannter Gesanglehrer, hatte Delsartes System der Ausdruckskunst ursprünglich geschaffen. Seine Frau war - wie Bizets Mutter - eine talentierte Pianistin. So ist es wahrscheinlich, daß die erste musikalische Erziehung des Knaben stärker von der Seite der Mutter und ihrer Familie her beeinflußt worden ist als von der des Vaters, wie man es früher vermutet hat. Der Vater aber brachte ihn im Alter von neun Jahren aufs Cons. Zwar war Bizet noch zu jung, um aufgenommen werden zu können; aber die Dir. waren von den musikalischen Kenntnissen des Kindes und von seiner Begabung für das Kl.-Spiel so stark beeindruckt, daß sie ihm erlaubten, in Marmontels Kl.-Klasse einzutreten. Am 9. Oktober 1848 wurde Bizet offiziell zum Cons. zugelassen, und ein halbes Jahr später gewann er den Ersten Preis im Solfeggio. Dann kam er in die Fugen- und Kontrapunktklasse des alten Zimmermann, der nur wenige ausgewählte Schüler unterrichtete und häufig von seinem Schwiegersohn Gounod vertreten wurde. Gounods Einfluß auf Bizet und die persönliche Freundschaft zwischen ihnen hat also schon sehr früh begonnen. 1851 und 1852 gewann Bizet Preise in Marmontels Klasse. Sowohl Berlioz als auch Liszt haben die außerordentliche Brillanz seines Spiels bezeugt, und da er sehr gewandt Partitur vom Blatt spielte, war er ein begehrter Begleiter bei den Proben in der Opéra und der Opéra comique.
In Benoists Org.- Klasse gewann er 1854 einen Zweiten und 1855 einen Ersten Preis für Org.- und Fugenkompos. Schon als er 1853 in die Kompos.-Klasse von Halévy eingetreten war, hatte dieser seine Begabung erkannt und hielt ihn für fähig, sich um den Prix de Rome zu bewerben. Bizet ist oft als Halévys »Lieblingsschüler« bezeichnet worden, und seine Verheiratung mit Halévys Tochter nach dem Tode ihres Vaters hat manche Biographen annehmen lassen, daß zwischen ihnen eine unwandelbare Freundschaft bestanden habe. Das wird aber durch unveröff. Briefe z.T. widerlegt. Daß Halévy Bizets C-Dur-Sinfonie offenbar nicht gekannt hat, ist an sich schon seltsam. Diese Sinfonie, die in weniger als einem Monat (Oktober-November 1855) komp. wurde und ein natürliches Talent zeigt, das dem Mozarts, Schuberts und Mendelssohns im gleichen Alter nicht nachsteht, ist nämlich unbekannt geblieben, bis sie von C.D. Parker entdeckt und 1935 von Weingartner aufgeführt wurde. Daß auch Gounod nichts von dem Werk erfuhr, ist ebenfalls seltsam, denn im Entstehungsjahr der Komposition machte Bizet einen Klavierauszug von Gounods Oper La Nonne Sanglante und 1856 eine vierhd. Bearb. von Gounods D-Dur- Sinfonie. Im selben Jahr bewarb er sich um den Prix de Rome, erhielt aber nur einen Zweiten Preis.
1857 gewann er nicht nur den Rompreis, sondern teilte sich auch mit Charles Lecocq in den von Offenbach gestifteten Preis für eine einaktige Operette. So erlebte Bizet vor seiner Abreise nach Rom, daß sein erstes Bühnenwerk, Le Docteur Miracle (Libretto: Léon Battu und Ludovic Halévy), am 9. April 1857 in den Bouffes-Parisiennes aufgeführt wurde. Am 21. Dezember desselben Jahres ging er nach Rom, wo er am 27. Januar 1858 eintraf. Der eigentliche musikalische Ertrag seines Italienaufenthalts war viel weniger wichtig als die Erweiterung seines kulturellen und künstlerischen Horizonts. Zwar wissen wir aus seinen Briefen von Plänen für Opern, sinfonische Werke und Kantaten; vollendet hat er aber in Italien nur drei Werke: ein Te Deum, das nie aufgeführt oder veröff. worden ist, Don Procopio, eine opera buffa (1858-59 geschrieben), und Vasco da Gama, eine sinfonische Ode (1860).
Don Procopio, dessen Libretto und Musik Donizettis Don Pasquale sehr ähnlich sind, hatte ital. Text, zu dem Bizet absichtlich ital. Musik schrieb. Die Oper ist zwar nicht sehr eigenständig, aber geschickt, melodisch, voller Vitalität und zeigt nichts von dem Gounodschen Einfluß, der in den schwächeren Teilen des Vasco da Gama so deutlich zutage tritt. Diese sinfonische Ode ist nach dem Vorbild von Félicien Davids Le Désert gearbeitet. Zwar ist die Musik großenteils handwerksmäßig, aber das Werk zeigt, wie sehr die Forderungen des Lokalkolorits und die Möglichkeit dramatischer Behandlung Bizets Phantasie anfeuerten, und ist dadurch von Bedeutung für seinen Werdegang. Gegen Ende seines Aufenthalts in Rom haben Bizets Gedanken über Musik ihre klare Formulierung gefunden. Er teilt die schaffenden Künstler in den rationalen und den natürlichen Typ. Die ersteren, zu denen Beethoven gehört, mühen sich bewußt um die Formung ihrer Ideen, während beim natürlichen Typ der Schöpfungsakt völlig spontan vor sich geht als ein Ausdruck des Unterbewußten, ohne große Einmischung des Willens. Mozart und Rossini sind Beispiele für diesen letzteren Typ; und vor allem Mozart, dem Bizet in Temperament und Anschauungen am meisten gleicht, war stets sein Lieblingskomp. Von den lebenden Komp. verehrte er zu jener Zeit nur Gounod uneingeschränkt. Trotz seiner Bewunderung für Il Trovatore, La Traviata und Rigoletto spürte er, daß der Erfolg Verdi geschadet hatte. Für den damaligen Zustand der Musik in Italien hatte er nur Verachtung.
Zusammen mit seinem besten Freund Ernest Guiraud verließ Bizet Rom im Juli 1860 und reiste durch Italien. Am 5. September erreichte er Venedig, wo er einen im Krankenhaus geschriebenen Brief seiner Mutter vorfand. Er kehrte direkt nach Paris zurück, wo seine Mutter im folgenden Sommer starb. Aus den nächsten beiden Jahren von Bizets Leben fehlen so gut wie alle Zeugnisse. Seine dritte »envoi«, ein Tl. des Werkes, zu dem er durch den Rompreis verpflichtet war und das erst im Sommer 1861 beendet wurde, bestand aus nur zwei Sätzen der Sinfonie Rome, Venise, Florence et Naples, einem Scherzo, das später ein Teil der Sinfonie Roma wurde, einem Trauermarsch und einer Ouvertüre La Chasse d'Ossian. Die Akademie lobte diese »envoi« wie schon vorher die zweite, Vasco da Gama. Die vierte »envoi« komp. Bizet im Winter 1861, eine komische Oper in einem Akt mit dem Titel La Guzla de l'Emir, mit einem Libretto von Jules Barbier und Michel Carré. Das Werk wurde 1862 vom Probenplan abgesetzt, als Carvalho, der Dir. des Théâtre Lyrique, Bizet das Libretto von Les Pêcheurs de Perles von Carré und E. Cormon anbot.
Die nervöse Reizbarkeit, die Bizet eigen war und die der Tod seiner Mutter noch verstärkt hatte, sein heftiges Temperament und seine sehr freimütige und ungestüme Ausdrucksweise, seine Überempfindlichkeit und sein Verfolgungswahn, den er später selbst als »Krankheit« bezeichnete, alles dies machte ihm während der Arbeit an der Part. von Les Pêcheurs de Perles schwer zu schaffen. Das Scherzo aus der dritten »envoi« wurde am 11. Januar 1863 von Pasdeloup aufgeführt. Die schlechte Wiedergabe und Aufnahme, die das Werk fand, führte viele der Abonnenten dazu, mit der Zurückziehung ihres Abonnements zu drohen. Diese Erfahrung war nicht dazu angetan, das Selbstvertrauen zu stärken, dessen Bizet bedurfte, um die kühle Aufnahme auch von Les Pêcheurs de Perles bei der Première im Théâtre Lyrique am 30. September 1863 zu ertragen. Man applaudierte Bizet allerdings am Schluß der Vorstellung begeistert, aber die Kritiker äußerten sich mit einer einzigen Ausnahme scharf oder herablassend. Sie beschuldigten ihn, Wagner, Félicien David und Verdi nachgeahmt zu haben und sprachen von »bizarreries harmoniques«, die einer fehlgeleiteten Originalitätssucht entsprungen seien. Nur Berlioz erkannte das verheißungsvolle Talent und sprach das im Journal des Débats aus. Die Oper verschwand bis 1886 vom Spielplan, und Bizet war 1864 gezwungen, Musikunterricht zu erteilen.
1865 lernte er Edmond Galabert kennen, dem er brieflich Komp.-Unterricht gab. Diese Briefe dienten ihm selbst zur Klärung seiner musikalischen Ideen. Eine weitere Freundschaft verband ihn mit der Comtesse Moreton de Chabrillan, die als Céleste Mogador bekannt geworden ist. In ihren Memoiren hat sie ihr Verhältnis zu Bizet als platonisch geschildert. Ihr leidenschaftliches, ungezügeltes Wesen kann sehr wohl das Charakterbild der Carmen mit angeregt haben. Jedenfalls hat sie die Partitur von La Jolie Fille de Perth hören dürfen, während das Werk entstand. Der Kontrakt mit Carvalho über diese Oper wurde im Juli 1866 unterzeichnet. Das Libretto von Saint-Georges und Jules Adenis war noch schlechter als das schwülstige von Les Pêcheurs de Perles. Aber Bizet, der kontraktlich an Carvalho gebunden war, konnte es sich nicht leisten, das Werk eines so beliebten Librettisten zurückzuweisen. Er nahm die undankbare Aufgabe entschlossen und mit Humor in Angriff. Das Werk wurde am Ende desselben Jahres fertig, in dem er auch die Arbeit an der Sinfonie Roma wieder aufgenommen und außerdem die 6 Lieder in Feuilles d'Album sowie verschiedenes andere, darunter Adieux de l'hôtesse arabe geschrieben und veröff. hatte. Neben all der Lohnarbeit gewann er in dieser Zeit noch einen neuen Schüler, den jungen Komp. Paul Lacombe, den er brieflich unterrichtete, außerdem schrieb er den 1. Akt einer Operette Marlbrough s'en va-t-en guerre, die eine Gemeinschaftsarbeit mit Legouix, Jonas und Delibes war. Sie wurde am 13. Dezember 1867 in der Athenée aufgeführt, 14 Tage vor La Jolie Fille de Perth. Die Aufführung dieser Oper war aus verschiedenen Gründen ein Jahr zurückgestellt worden. Die Partitur wurde zu recht günstigen Bedingungen an Choudens verkauft, und das Werk war die einzige Oper Bizets, die von der Kritik einigermaßen gut beurteilt wurde. Sie wurde im April 1868 in Brüssel aufgeführt, wo sie bei Publikum und Presse Erfolg hatte. die Pariser Kritiker lobten die Instrumentierung und die dramatische Zeichnung. Bizets Freund Ernst Reyer hielt den Stil für elektisch, entschuldigte aber die Konzession an den Publikumsgeschmack mit Bizets Jugend und mit den Launen der Primadonna. Johannes Weber dagegen warf Bizet vor, nach den »Wagnerismen« in Les Pêcheurs de Perles nun in das entgegengesetzte Extrem verfallen zu sein. Bizet selbst gab das in einem Brief an Weber zu; gleichzeitig brachte er Gedanken über Musik zum Ausdruck, wie sie bereits in einem Artikel in La Revue Nationale et Etrangère vom 3. August 1867 ersch. waren. Darin forderte Bizet - unter dem Pseudonym Gaston de Betzi - mit feurigen Worten Anständigkeit und Unparteilichkeit der Musikkritik. Er schrieb u.a.: »Für mich gibt es nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte.«
Im Herbst 1867 verliebte Bizet sich in die neunzehnjährige Geneviève Halévy, deren Familie sich jedoch der Heirat widersetzte. In dieser Zeit beendete er die Sinfonie Roma, komp. einige Lieder und die Variations Chromatiques sowie das Nocturne D-Dur für Kl. Im Sommer 1868 hatte er einen schweren Anfall eines Halsleidens, das sich bei ihm mehrfach wiederholte. Er las in dieser Zeit viel Philosophisches und erlebte eine tiefgehende geistige und seelische Krisis. Zeugen dieser inneren Wandlung sind die Bruchstücke von La Coupe du Roi de Thule. Das Libretto von Louis Gallet und Edouard Blau war für einen von der Opéra veranstalteten Wettbewerb geschrieben worden. Winton Dean glaubt nicht nur, daß Bizet die Oper vollendet hat, sondern auch, daß sie ein Werk von höchster Begabung und Originalität ist. Anfang 1869 wurden drei Sätze aus Bizets ital. Sinfonie von Pasdeloup aufgeführt; das Publikum nahm sie freundlich auf, aber bei der Presse fanden sie keine Anerkennung. Um diese Zeit gab Camille du Locle, der neben dem reaktionären de Leuven Dir. der Opéra Comique geworden war, bei Bizet ein Werk in Auftrag; die Folge davon war, daß dieser Ende 1869 und 1870 an zwei Opern arbeitete: Grisélidis (Libretto: Sardou) und Clarissa Harlowe (Libretto: Philippe Gille). Keine von beiden ist fertig geworden, aber von beiden sind Skizzen vorhanden. In den Grisélidis-Skizzen findet man Don Josés Blumenarie aus Carmen und das Thema des Innocent aus L'Arlésienne.
Im Juni 1869 waren die Einwände der Familie Halévy gegen Bizet endlich überwunden; die Eheschließung fand am 3. Juni statt, und ein Jahr lang war das junge Paar sehr glücklich. Bizet vollendete - was er schon einmal versucht hatte - die unvollendete Oper Noé seines Schwiegervaters. Ferner arbeitete er an Grisélidis und Clarissa Harlowe und war Mitglied der Jury für die Verleihung des Prix de Rome. - Im deutsch-frz. Krieg trat Bizet in die Nationalgarde ein. Er und seine Frau blieben während der Belagerungszeit in Paris und gingen erst fort, als die Straßenkämpfe unter der Kommune gefährlich wurden. Schrecklicher als die Herrschaft der Kommune war Bizet der Gedanke an eine kath. Monarchie. Wohl das interessanteste Zeugnis für die Klarheit seines Denkens und seine Vorurteilslosigkeit auch in dieser Zeit eines heftigen Nationalismus ist seine immer wieder betonte Bewunderung der Wagnerschen Musik. Am Ende des Krieges waren die Theaterverhältnisse chaotisch, und die noch unvollendete Grisélidis wurde von der Opéra Comique abgelehnt. Zum Ersatz bot du Locle Bizet ein einaktiges Stück von Louis Gallet nach Alfred de Mussets Namouna an. Der Titel des Stücks wurde in Djamileh geändert, und Bizet arbeitete in der zweiten Hälfte des Jahres 1871 an dieser Part. und an der Clarissa Harlowe. Im August und September komp. er die 12 Klavierstücke zu 4 Händen Jeux d'enfants und arrangierte eine Petite Suite d'orchestre, die fünf dieser Stücke zusammenfaßte. Das waren die Vorläufer von Debussys Petite Suite, Faurés Dolly und Ravels Ma Mère l'Oye.
Djamileh kam erst am 22. Mai 1872 heraus. Obwohl das Libretto nicht genügend dramatische Handlung enthielt, hätte die eigenartige und köstliche Musik dem Werk mehr als die nur 11 Aufführungen einbringen müssen, die es erlebte. Die meisten Kritiker nahmen den alten Schlachtruf »zügelloser Wagnerismus!« wieder auf; aber ein paar Musiker, darunter Reyer und Saint-Saëns, sahen in der Oper nicht nur eine »Manifestation des Talents«, sondern auch einen »Ausdruck des Willens«.
Knapp zwei Monate nach dem Mißerfolg von Djamileh, am 10. Juli, wurde Bizets einziges Kind, Jacques, geboren.
Bizets nächstes Werk wurde ebenfalls ein Mißerfolg. Alphonse Daudets schöne Tragödie L'Arlésienne mit Musik von Bizet wurde am 1. Oktober 1872 vor einem gelangweilten und verständnislosen Publikum aufgeführt, dem das Stück ebenso mißfiel wie die »Wagnerische Kakophonie« der Musik. Das Stück hielt sich kaum 3 Wochen auf dem Spielplan, und Bizets Musik blieb von den Kritikern unbeachtet, bis sie ein paar Wochen danach von Pasdeloup in Form einer Suite aufgeführt wurde, die der Komp. für großes Orch. eingerichtet hatte. Diesmal hatte die Kompos. unmittelbaren Erfolg und wurde noch zu Bizets Lebzeiten mehrfach in Konzerten wiederholt.
Anfang 1873 scheint Bizet mit der Arbeit an Carmen begonnen zu haben. Ein großer Teil des Werkes war bereits im Herbst fertig, aber infolge verschiedener Schwierigkeiten mit der Opéra Comique wandte Bizet sich zunächst einer anderen Oper mit span. Stoff zu, dem Don Rodrigue (Libretto: Louis Gallet). Im Lauf des Sommers und Herbstes komp. er alle 5 Akte. Aber das Werk gelangte nicht zur Aufführung, da die Opéra am 28. Oktober 1873 durch einen Brand zerstört wurde. Bizet durchlebte eine Zeit größter Mutlosigkeit. Er benutzte aber das Hauptthema eines Marsches aus Don Rodrigue für die sinfonische Ouvertüre Patrie, ein schwaches und für ihn keineswegs charakteristisches Werk, das Pasdeloup am 15. Februar 1874 mit großem Erfolg aufführte. Im folgenden Sommer erlitt Bizet wiederum einen sehr schweren Anfall von Halsabszessen. Während er sich von der Krankheit erholte, vollendete er die Carmen. Die 1200 Seiten umfassende Part. wurde in 2 Monaten instrumentiert. Die Aufführung war für den Herbst 1874 geplant, wurde aber verschoben, vermutlich weil der reaktionäre de Leuven Einwände gegen das zu wenig spießbürgerliche Libretto erhob. Während dieser Zeit besuchte Bizet die Org.-Klasse von César Franck am Cons.; bald darauf trat dann de Leuven glücklicherweise von der Leitung der Opéra Comique zurück.
Am 15. Januar 1875 kaufte Choudens die Part. der Carmen für 25000 Francs, und bald danach begannen die Proben. Während der ganzen Probenzeit lag Bizet im Kampf mit dem Orch., das sich gegen die ungewöhnlich schwierige Musik auflehnte, und mit dem Chor, der es übelnahm, daß er nicht nur singen, sondern auch spielen sollte. Sogar die Librettisten, Ludovic Halévy und Henri Meilhac, die an Offenbachs Musik gewöhnt waren, stellten sich häufig gegen den Komp. Am Morgen des 3. März 1875 wurde Bizet zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Am Abend desselben Tages erlebte die Oper ihre Uraufführung vor einer kühlen und ablehnenden Zuhörerschaft. Obwohl Carmen im Laufe des Jahres 45 Aufführungen erlebte, war sie ein Mißerfolg und wurde in Frankreich bis 1883 nicht wieder gespielt. Die Kritiker, mit Ausnahme von de Banville, Joncières und Reyer, fielen gewaltig über das Werk her. Wie üblich beschuldigten sie Bizet des »Wagnerismus« und schalten außerdem, die Geschichte von Mérimée sei unsittlich, der Kompos. fehle es an Melodik und die Singst. seien dem Durcheinander und Lärm des Orch. völlig ausgeliefert. Zwar begann mit dem Wiener Erfolg der Carmen im Oktober 1875 ihr Siegeszug durch die ganze Welt, aber Bizet war schon am 3. Juni des Jahres gestorben. Daß er an gebrochenem Herzen gestorben sei oder gar Selbstmord begangen habe, ist völlig unwahr. Die Anstrengungen der Probenzeit und die Geißelung der Carmen durch die Kritik hatten begreiflicherweise seine Kräfte übermäßig beansprucht; so führte ein abermaliger Anfall seines Halsleidens Ende März zu einer sehr schweren Erkrankung. Während seiner Krankheit entwarf er das Oratorium Geneviève de Paris. Er erholte sich so weit, daß er am 31. Mai nach Bougival übersiedeln konnte, wo er an dem Abend, an dem Carmen zum 31. Male aufgeführt wurde, infolge einer Komplikation verschied, die wohl auf eine Überanstrengung des Herzens zurückzuführen war.
Als wollten sie die Vernachlässigung seines Werkes wiedergutmachen, nahmen 4000 Menschen an der Trauerfeier in der Église de la Trinité in Montmartre teil. Pasdeloup war mit der musikalischen Ausgestaltung der Feier beauftragt, und am Grabe auf dem Friedhof Père Lachaise sprachen Jules Barbier, du Locle und Gounod, der dabei zusammenbrach und seinen Nekrolog nicht beenden konnte. Bizet hatte immer geahnt, daß er früh sterben werde, wie er auch immer an seinen Genius geglaubt hatte. Daß aber Carmen die am meisten gespielte Oper der Welt werden würde, hatte er unmöglich voraussehen können.
Nach dem Mißerfolg der Jolie Fille de Perth mußte Bizet sich ernstlich mit der Frage auseinandersetzen, welches sein eigentliches künstlerisches Endziel sei. Die Oper war das Ausdrucksmittel für ihn, aber weder die herkömmliche Geschwollenheit der großen Oper noch die flache Theatralik der opéra comique entsprachen seiner Begabung. Romantische Liebe ist immer das Thema der meisten Opern gewesen. Der bürgerliche Begriff von Liebe war im Frankreich des Zweiten Kaiserreichs denkbar eng. Die Mattigkeit der Liebesmusik in Bizets frühen Opern, an der z. Tl. Gounods Einfluß schuld war, entsprang auch seiner eigenen Wesensart. Das Wort »Liebe« taucht in Bizets Briefen erst auf, als er seine Frau kennenlernt, und seine Einstellung zu den Frauen, wie sie sich in seinen unveröff. Tagebüchern kundtut, ist denkbar sachlich und biologisch. Aber er hatte einen unvergleichlichen künstlerischen Sinn für erotisches Begehren und die damit verbundenen Gemütsbewegungen, vor allem für die Eifersucht. Den Stoff von dieser Seite her anzufassen, war für die Oper seiner Zeit genau so unpassend, wie die Männer und Frauen als menschliche Wesen und nicht als Scheinbilder zu begreifen. Um mit der Überlieferung brechen zu können, mußte er eine Form zwischen Oper und opéra comique schaffen. In den allein übriggebliebenen Bruchstücken der 6 oder 7 Opern, die er in dieser Zeit anfing, kann man den wichtigsten Wendepunkt seiner Entwicklung sehen.
In L'Arlésienne hatte Bizet es zum erstenmal mit einem Werk von hohem literarischen Wert zu tun. Daß Daudet Bizets Begabung wirklich in ihrem vollen Umfang erkannte, geht aus unveröff. Briefen hervor, in denen der Dichter den Komp. wegen der Wortwahl des Textes zu Rate zieht. Wie in La Coupe du Roi de Thule und Carmen handelt es sich um einen jungen Mann geringer Herkunft, der von heftiger Begierde für ein liederliches und sinnliches Weib besessen ist, das ihn betrügt, während das treu liebende Mädchen daheim eine unerwiderte Zuneigung für ihn hegt. Wie in den beiden anderen Werken bildet auch in L'Arlésienne der junge Liebhaber den psychologischen Mittelpunkt. Die Frauen werden in erster Linie unter dem Gesichtswinkel gesehen, wohin ihr Einfluß ihn führt. Die beiden Orch.-Suiten aus L'Arlésienne, von denen die zweite nach Bizets Tod von Guiraud zusammengestellt ist, weichen beide erheblich von der ursprünglichen Fassung ab. Die Eigenart und Größe des Werkes kann nur der erfassen, der das Stück auf der Bühne gesehen und die Musik so gehört hat, wie sie geschrieben ist. Die Forderungen der Bühnenmusik - Knappheit, Übereinstimmung mit dem Drama, Kürze der Formen - erfüllte Bizet meisterhaft. Er komp. 27 Nummern, die, mit Ausnahme von ein paar kurzen Chören, alle instr. sind; keine von ihnen ist kompliziert oder weitschweifig, und jede einzelne ist musikalisch oder dramatisch bedeutungsvoll. Auch die Instrumentation ist ein Meisterstück. Bizet mußte sich auf 27 Spieler beschränken und entschloß sich, ein Saxophon, ein Kl. und eine ungewöhnliche Streicherzusammenstellung (7 V., 1 Va., 5 Vc. und 2 B.) in den Instr.-Körper aufzunehmen und diese Kräfte wie ein Solistenensemble zu verwenden. Das Ergebnis ist eine Art KaM. von wunderbarer Farbigkeit und Biegsamkeit des Klangs. Bizet benutzte in seiner Part. ein paar alte provenz. Volksweisen, die er so in seinen persönlichen Stil einschmolz, daß sie zusammen mit seiner eigenen malerischen Musik ein ebenso einheitliches Lokalkolorit bewirken wie das der Carmen.
Die Leidenschaft für Wagner, die Frankreich nach 1875 ergriff, ist - zusammen mit Bizets frühem Tod - schuld daran, daß es keine Bizet-Schule gibt. Tatsächlich wurde Bizet, den man erst als einen gefährlichen Wagnerianer angesehen hatte, nun als zaghaft und zurückgeblieben bezeichnet. Aber seine Stellung und sein Einfluß dürfen nicht unterschätzt werden. Seine große Tat war die Wiederbelebung der opéra comique. Nach Carmen neigten die beiden Formen der Oper dazu, miteinander zu verschmelzen. Puccini und die ital. veristische Schule sind der Carmen ebenso verpflichtet wie Wolfs Corregidor und das Spätwerk Tschaikowskys. Obwohl bedeutsame Spuren von Bizets Einfluß bei Chabrier und Ravel wie bei Debussy und Fauré zu finden sind, ist über dieses Thema noch keine befriedigende Untersuchung angestellt worden. Bizet lebt, weil er die seltene Gabe der Melodie besaß, weil er alle Feinheiten des Orch.- Satzes meisterhaft beherrschte und weil er sich in seine Gestalten zu versenken vermochte, ohne daß die künstlerische Zurückhaltung und Einheit dadurch etwas einbüßte. Wie Romain Rolland gesagt hat, bleibt er die höchste musikalische Verwirklichung des einen Pols des frz. Geistes.
[Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Bärenreiter-Verlag 1986]

1838 Georges Bizet am 25. Okt. in Paris geboren
1842 Der junge Georges lernt Buchstaben und Noten lesen bei der Mutter Aimée Bizet. Daniel-F.-E. Auber wird als Nachfolger des verstorbenen Luigi Cherubini Direktor des Pariser Conservatoire. Geburt Jules Massenets
1847 Vater Adolphe Bizet versucht, den begabten Sohn schon vor Erreichen des Mindestalters als Student am Conservatoire aufnehmen zu lassen. Im November stirbt Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig
1848 Revolution in Paris, Louis Philippe dankt ab. Louis-Napoléon wird Präsident der Zweiten Republik. Bizet besteht die Aufnahmeprüfung am Conservaoire und wird Schüler des Pianisten Marmontel
1849 Zusätzlich Kompositionsunterricht bei Zimmermann und dessen Schwiegersohn Charles Gounod. In Bergamo stirbt Gaëtano Donizetti
1850 Erste Kompositionen
1852 Premier Prix im Fach Klavier und Wechsel in eine Orgelklasse des Konservatoriums. Zweites Kaiserreich: Louis-Napoléon wird Napoleon III.
1853 Beginn des Kompositionsstudiums bei Jacques Fromental Halévy
1854 Eine "Grande Valse de concert" wird mit opus 1 bezeichnet. Erste gedruckte Kompositionen, Klavierauszug von Gounods "La Nonne sanglante"
1855 Premier Prix im Fach Orgel und Fuge. Komposition der "C-dur-Symphonie". Jacques Offenbach gründet die Bouffes-Parisiens
1856 Vergebliche Bewerbung um den Rom-Preis. Erfolg mit der Operette "Le Docteur Miracle" bei einem von Offenbach veranstalteten Wettbewerb. Robert Schumann stirbt in Endenich bei Bonn
1857 Begegnung mit Gioacchino Rossini. Prix de Rome für die Kantate "Clovis et Clotilde". Im Dezember Abreise nach Rom
1858 Ab Ende Januar Stipendiat in der Villa Medici, Komposition des "Te Deum". In diesem Jahr werden in Italien Ruggiero Leoncavallo und Giacomo Puccini geboren
1859 Die erste Oper "Don Procopio" wird abgeschlossen, Bizet sieht Giuseppe Verdis "Un ballo in maschera", komponiert "Vasco da Gama" und bittet um Verlängeung des Rom-Aufenthalts. Im Mai Kriegserklärung Frankreichs an Österreich. Richard Wagner beendet die "Tristan"-Partitur
1860 Beginn der Arbeit an "Roma". Norditalien-Reise. In Venedig erfährt Bizet von der Krankheit seiner Mutter und kehrt nach Paris zurück
1861 Kompositionsauftrag der Opéra Comique: "La Guzla de l'Émir". Kleinere symphonische Arbeiten, Unterstützung Charles Gounods bei dessen Opernvorbereitungen. Tod der Mutter im September.
1862 Halévy stirbt im März. Geburt eines unehelichen Sohns im Juni. Reise nach Baden-Baden im August u. a. zur Aufführung von Hector Berlioz' "Beatrice et Bénédict"
1863 Pasdeloup dirigiert Werke Bizets. Dieser zieht "La Guzla de l'Émir" von der Aufführung an der Opéra comique zurück und komponiert "Les pêcheus de perles" für das Théâtre Lyrique. Uraufführung Ende September, die kein großer Erfolg ist, aber den Auftrag für "Ivan IV." einbringt
1864 Der Vater kauft das Grundstück in Le Vésinet. Arbeit an "Ivan IV.". Tod Giacomo Meyerbeers
1865 Beginn des Briefwechsels mit dem Korrespondenz-Kompositionsschüler Edmond Galabert. Gelegenheitsarbeiten für verschiedene Verleger. Die Hoffnung, "Ivan IV." aufgeführt zu sehen, muß begraben werden
1866 Arbeiten an schon früher begonnenen Werken, Lieder, Arrangements. In der zweiten Jahreshälfte entsteht "La jolie fille de Perth", deren Urauffühung aber u. a. wegen des Erfolgs von Gounods "Roméo et Juliette" aufgeschoben wird. Offenbachs "Pariser Leben"
1867 Weltausstellung in Paris. Uraufführung von Verdis "Don Carlos" an der Opéra. Erfolglose Teilnahme an Kompositionswettbewerben. Im Dezember endlich Premiere der "Jolie fille"
1868 Gelegenheitsarbeiten. Symphonie "Roma" beendet. Beginn der Komposition von "La coupe du Roi du Thulé" für einen Wettbewerb der Opéra. "La jolie fille de Perth" wird in Brüssel aufgeführt. "Variations chromatiques" für Klavier. Im November stirbt Rossini
1869 "La coupe du Roi du Thulé" wird von de Jury negativ beurteilt. Pasdeloup führt die drei neuen Sätze von "Roma" auf. Im Juni Heirat mit Geneviève Havély. Juror beim Prix de Rome. Im März wird Berlioz feierlich beerdigt
1870 Arbeit an später nicht weitergeführten Werken. Gelegenheitskompositionen, Nationalgardist im Französisch-Deutschen Krieg
1871 Während der Tage der Commune auf dem Land. Ablehnung der Oper "Griselidis", statt dessen Auftrag von der Opéra Comique für "Djamileh". Auber stirbt. Komposition von "Jeux d'enfants" für Klavier zu vier Händen
1872 Uraufführung von "Djamileh". Geburt des Sohnes Jacques. Komposition von "L'Arlésienne" - Mißerfolg des Gesamtwerks, die "Arlésienne"-Suite findet aber großen Beifall im Konzertsaal. Erste Gedanken an "Carmen"
1873 Tod Napoleons III. Arbeit an "Don Rodrigue", der nicht vollendet wird (keine Aufführungschance, da die Opéra abgebrannt ist), nach Motiven daraus entsteht die Ouvertüre "Patrie!...". Erfolg der "Petite suite" für Orchester nach "Jeux d'enfants". Arbeit an "Carmen"
1874 Arbeit - im Sommer in Bougival - an "Carmen", zu der die Proben an der Opéra Comique im September beginnen
1875 Die neue Opéra (Palais Garnier) wird im Januar eröffnet. Bizet wird Ritter der Ehrenlegion. Am 3. März Uraufführung von "Carmen" an der Opéra Comique. Maurice Ravel wird geboren. Der sorglose Umgang mit den Symptomen einer inzwischen chronischen Krankheit führt zu gravierenden Komplikationen; Bizet stirbt am 3. Juni in Bougival

Zeugnisse


Brahms kennt geradezu alles. Am wenigsten liegt ihm Opernmusik am Herzen. «Du weißt, ich verstehe nichts vom Theater», pflegt er zu sagen, wenn er schon nach dem ersten Akt einer neuen Oper, die ich mit Interesse anhöre, Reißaus nimmt. Von den modernen Opern schätzt er vor allem Carmen und achtet Bizet als ein großes Talent.
Eduard Hanslick, «Aus meinem Leben», Bd. 2, Berlin 1880

... so muß ich leider zugeben, daß die deutsche Musik sich auf einem absteigenden Ast befindet und daß die meisten Werke nur Nachahmungen von Mendelssohn und Schumann einerseits und Liszt und Wagner andererseits sind. In Frankreich hört man dagegen etwas Neues, Frisches, Starkes. Bizet überragt natürlich alle anderen... - Bizet ist ein Künstler, der mit seiner Zeit geht, aber doch von echter Inspiration durchglüht wird.
Peter I. Tschaikowsky, 1880/83. Aus: «Briefwechsel mit Nadeshda von Meck», Leipzig 1964

... jetzt fragt man sich, warum dieser bezaubernde Musiker, dieser liebenswürdige und fröhliche Bursche auf seinem Weg so vielen Hindernissen begegnet ist. Wenn das Publikum zu einem so schroffen, einen unerreichbaren Gipfel besetzenden Genius, wie Berlioz es war - wenn es zu dem nur schwer Zugang findet, so ist das nur natürlich. Aber Bizet! - die Jugend, der Schwung, die Fröhlichkeit, die menschgewordene gute Laune! ... Er suchte vor allem nach Leidenschaft und Leben, ich rannte der Schimäre der Stilreinheit und der vollendeten Form hinterher... Bizet war kein Rivale, er war Waffenbruder.
Camille Saint-Saëns, um 1883. Aus: Saint-Saëns, «Musikalische Reminiszenzen», Leipzig 1978

In erster Linie bestrebt er sich, die alten Maximen der Oper auszurotten. Die bisherigen Bahnen, in denen sie nach der Schablone wandelte, mußten verlassen werden. Der Kern seiner reformatorischen Idee war: eine eingehendere musikalische Gestaltung der Charaktere und Ausmalung der Situationen.
Paul Voss, «Georges Bizet», Leipzig o. J. (1899)

Leider starb dieser zu früh, und obgleich er ein Meisterwerk hinterließ, wurde das Schicksal der französischen Musik in Frage gestellt. Sie gleicht nun einer jungen Witwe, die, da sie niemanden an der Seite hat, der stark genug wäre, sie zu führen, sich in die Arme Fremder wirft, die sie mißhandeln.
Claude Debussy, um 1902. Aus: Debussy, «Einsame Gespräche mit Monsieur Croche», Leipzig 1975

... der Theatermann in ihm verachtete die alte Form nicht, befreite sie nur von allem, was Primadonneneitelkeit ihr angehängt, und stellte sie in den Dienst der Wahrheit.
Adolf Weissmann, «Bizet», Berlin 1907

Das Leben ist in der Musik von Bizet bis zu einem blendenden Funkeln geführt, und in diesem blendenden Funkeln angespannter Leidenschaft und menschlich-tierischen Triumphs erklingen die ganze Zeit über die Töne eines unglücklichen Schicksals, verflechten sich Liebe und Tod ineinander.
Anatolij Lunatscharskij, 1922. Aus: Lunatscharskij, «Musik und Revolution», Leipzig 1985

Bizets Tragik liegt nicht in den Widerständen, die er zu Lebzeiten erfuhr, denn er hatte durchaus ansehnlichen Erfolg. Er war ein großer Musiker, und alle seine späteren Werke zeigen einen außergewöhnlichen musikalischen Instinkt und ein Feingefühl in der Orchestrierung, die nicht oft wieder erreicht und selten übertroffen wurden. Seine Tragik lag darin, daß er sich spät entwickelte und jung starb, so daß er nur wenige Jahre der Reife erlebte. Auch als seine Begabung auf ihrem Höhepunkt war, war sie unspektakulär, denn sie war typisch französisch und deshalb leicht zu unterschätzen.
Martin Cooper, «Georges Bizet», London, New York, Toronto 1938

Bizet ... das glückliche und beglückende Beispiel einer vollen Harmonie der Begabung: Harmonik, Melodik (inbegriffen die polyphonen Einfälle), Rhythmik sind bei ihm gleichmäßig betont und zu einer runden und netten Einheit verschmolzen.
Alfred Einstein, 1941. Aus: Einstein, «Größe in der Musik», Kassel 1980

Da stehen nur ein paar wenige Noten; aber die hüpfen dann davon! Bizet, das ist ein Meister!
Othmar Schoeck, 1955. Aus: Werner Vogel, «Othmar Schoeck im Gespräch», Zürich 1965

Carmen stellt eine wahrhaftige Synthese der Opernkunst des 19. Jahrhunderts dar... erscheint sie uns nicht wie die Oper «par excellence»?
René Leibowitz, «Histoire de l'Opera», Paris o. J. (1957)

An seinem Notenschreibtisch entfaltete der stille Könner gleichwohl erstaunliche Strategie der Bühnenwirkungen, scharfe Menschenkenntnis, präzis profilierende Personenzeichnung... Er spricht immer unverkennbares Musikfranzösisch und verwandelt es trotzdem gern... in die Traumsprache orientalischer Nächte... Carmen stellt, wenn man vom dritten Meister jener Epoche, Verdi, absieht, die große andere Möglichkeit der Operngestaltung neben Wagner im Stadium der Hochromantik dar. Bizet hat diese «potentielle» zu prächtig beherrschter «kinetischer» Energie entbunden.
Hans Joachim Moser, «Musikgeschichte in 100 Lebensbildern», Stuttgart 1958

Bühnenwerk

II. Musik zu Bühnenwerken

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