Georges Bizet

Carmen

Erster Akt.

Ein Platz in Sevilla.

Nr. 1. Präludium.

Nr. 2. Scene und Chor.

CHOR DER SOLDATEN.
Diese Menge, im Gedränge!
Wie das kommt, geht und bleibt,
Närrisches Volk umher sich treibt.

MORALÈS.
Müssig hier vor der Wache Halle,
Dass die Zeit geht hin,
Raucht man und schwatzt und mustert alle,
Die vorüberziehn.

CHOR.
Diese Menge, im Gedränge usw.

MORALÈS.
Doch seht, da kommt mit bangem Zagen
Ein Mädchen zu uns – irr ich nicht;
Sie blickt umher, scheint zu zögern und zu fragen.

CHOR.
Ihr beizustehn ist unsre Pflicht.

MORALÈS.
Was suchst du, hübsche Kleine?

MICAËLA.
Ich? ich such einen Sergeant.

MORALÈS.
Sieh ihn hier – in mir!

MICAËLA.
Nein, Ihr seid der nicht, den ich meine,
Don José – so wird er genannt.

MORALÈS.
Don José – ist uns wohl bekannt.

MICAËLA.
Gewiss? So find ich ihn hier? Sie verzeihen!

MORALÈS.
Sergeant ist er, ganz recht, doch nicht in unsern Reihen.

MICAËLA.
Nicht hier? Ich dachte ja.

MORALÈS.
Mein holdes Mädchen, er ist nicht da.
Doch warte hier und sei nicht bang,
Er kommt hierher, 's dau'rt nicht lang.
Er kommt hierher, wenn wir die Runde machen
Und werden abgelöst durch neue Wachen.

CHOR.
Er kommt hierher usw.

MORALÈS.
Willst du auf dem Platz da bleiben,
Liebes Kind, so zart und fein,
Langeweile zu vertreiben,
Komm unterdes zu uns herein.

MICAËLA.
Zu euch?

CHOR.
Zu uns!

MICAËLA.
Nein, nein, nein, nein,
Ihr Herrn Soldaten, das kann nicht sein.

MORALÈS.
Komm herein nur ohne Bangen,
Ich verspreche dir bestimmt,
Freundlich wirst du hier empfangen,
In allen Ehren, wie sich's geziemt.

MICAËLA.
Ich weiss wohl zu schätzen diese Ehr,
Doch meine ich, 's wird besser sein, ich komm hierher
Wieder zurück, wenn Sie die Runde machen
Und werden abgelöst durch neue Wachen.

MORALÈS UND CHOR.
Bleibe doch hier, bis wir die Runde machen
Und werden abgelöst durch neue Wachen.
Bleibe doch da!

MICAËLA.
Nein, nein, nein –
Das kann nicht sein.

MORALÈS UND CHOR.
Bleibe doch da!

MICAËLA.
Auf Wiedersehn, ihr Herrn Soldaten –
Das kann nicht sein –

MORALÈS.
Seht hin sie eilen;
Wir müssen weilen.
Freunde, kommt, lasst uns wieder sehn
Nach Leuten, die vorübergehn.

CHOR.
Diese Menge, im Gedränge usw.

Nr. 3. Chor der Strassenjungen.

Schnell herbeigestürmt wie's Wetter,
's kommen die Soldaten ja,
Hört der Trompete Geschmetter:
Trateratatata!
Wenn die Wachen aufmarschieren,
Gehn wir wie Soldaten mit,
Lasst voran uns defilieren:
Eins! Zwei! im gleichen Schritt.
Brust heraus, den Kopf nach oben,
Und die Arme ziehet an;
Rasch! nun die Füsse gehoben,
So marschier'n wir Mann für Mann!
Wir sind da! Tratateratatata!

Nr. 3 a. Rezitativ.

MORALÈS. Ein junges Mädchen, voll Liebreiz in ihrem ganzen Wesen, fragte uns nach dir. Blaues Kleidchen und blonde Zöpfe.

JOSÉ. Das war sie, Micaëla!

ZUNIGA. Ist nicht dort die Fabrik unsrer köstlichen Cigaretten, die beschäftigt so viele Mädchen?

JOSÉ. So ist's, mein Offizier! Doch glaubet mir, nirgends findet Ihr mehr so flatterhafte Mädchen.

ZUNIGA. Mag's drum sein, wenn sie nur schön sind.

JOSÉ. Ach, davon weiss ich wahrlich nichts, denn wenig kümmert mich wohl diese Gattung Mädchen.

ZUNIGA. Was dich bekümmert, Freund, ich weiss es wohl! 's ist ein junges, reizendes Mädchen, Micaëla, so nennt sie sich. Blaues Kleidchen und blonde Zöpfe. Nun, Freundchen, gesteh, hab ich recht?

JOSÉ. Ich gestehe, 's ist wahr, dass ich sie liebe. Doch wie gerufen kommen von dort die Mädchen der Fabrik. Sehet selbst und urteilt, ob sie Euch gefallen.

Nr. 4. Chor.

JUNGE LEUTE.
Eilen wir herbei mit der Glocke Tönen,
Auf die Mädchen hier warten wir am Ort –
Gehn wir ihnen nach, diesen braunen Schönen,
Flüstern ihnen zu manches süsse Wort!

CHOR DER SOLDATEN.
Seht sie da! wie keck ohne Scheu, diese Koketten,
Kommen lachend, rauchen dabei ihre Cigaretten.

CHOR DER CIGARRENARBEITERINNEN.
Seht, wie Raucheswolken ziehn
In die Lüfte
Kräuselnd dahin
Und verbreiten holde Düfte.
Sanft betäubet, schlürft den Rauch
Mit den Lippen,
Und wie im Hauch
Lasst uns süsse Wonne nippen.
Ist so ein Mann Liebe zu schwören bereit,
Das ist Hauch –
Sagt er, dass uns ist sein Leben geweiht,
Leicht wie Rauch –
Ein treues Herz in der Brust
Ist nur Hauch –
O süsser Schmerz, Liebeslust,
Das ist ein Hauch,
So leicht wie Rauch!
Seht, wie Raucheswolken ziehn
Dahin durch die Lüfte;
Ach! Sie verbreiten die lieblichen Düfte
Und ziehn sanft sich kräuselnd dahin. –
Duftger Rauch
Leicht wie Hauch!
CHOR DER SOLDATEN.
Doch wir sehen nicht Carmen in ihrer Mitte.

ALLGEMEINER CHOR.
Ah! sie kommt! Carmen naht mit flüchtigem Schritte.

CHOR DER JUNGEN LEUTE.
Carmen! sieh, wir folgen am Fusse dir.
Carmen, ach, sei artig, gib Antwort hier
Und nenn uns den Tag, wo dein Sinn endlich bricht,
Und wo dein sprödes Herz uns von Liebe spricht.

CARMEN.
Wann ich Liebe euch schenk? fürwahr, das weiss ich nicht,
Wohl niemals vielleicht – 's kann morgen schon sein –
Eins weiss ich gewiss: Heute? – Nein!

Nr. 5. Habanera.

CARMEN.
Ja, die Liebe hat bunte Flügel,
Solch einen Vogel zähmt man schwer;
Haltet fest sie mit Band und Zügel,
Wenn sie nicht will, kommt sie nicht her.

Ob ihr bittet, ob ihr befehlet,
Und ob ihr sprecht und ob ihr schweigt,
Nach Laune sie den erwählet,
Und heftig liebt, der stumm sich zeigt.

CHOR.
Ja, die Liebe hat bunte Flügel usw.

CARMEN.
Die Liebe von Zigeunern stammet,
Frägt nach Rechten nicht, Gesetz und Macht;
Liebst du mich nicht, bin ich entflammet,
Und wenn ich lieb, nimm dich in acht.

CHOR.
Die Liebe von Zigeunern stammet usw.

CARMEN.
Glaubst den Vogel du schon gefangen,
Ein Flügelschlag – ein Augenblick,
Er ist fort, und du harrst mit Bangen;
Eh du's versiehst – ist er zurück.

Weit im Kreise siehst du ihn ziehen,
Bald ist er fern, bald ist er nah.
Halt ihn fest, und er wird entfliehen,
Weichst du ihm aus – flugs ist er da.

CHOR.
Glaubst den Vogel du schon gefangen usw.

Nr. 6. Scene.

CHOR DER JUNGEN LEUTE.
Carmen, sieh, wir alle folgen dir.
Carmen, ach, sei artig, gib Antwort hier,
Wann dein Sinn endlich bricht
Und dein Herz von Liebe uns spricht?

CHOR DER CIGARRENARBEITERINNEN.
Die Liebe von Zigeunern stammet usw.

Nr. 6a. Rezitativ.

JOSÉ. Ha, das heiss ich doch Unverschämtheit! Wie mit dem Sträusschen so geschickt sie mich traf, wie mit einer Kugel! Dieser Duft ist berauschend, und die Blume, wie schön! – Und das Mädchen – sollt wirklich Hexen es geben, ist sie eine, ganz gewiss.

MICAËLA. José!

JOSÉ. Micaëla!

MICAËLA. Ich bin da!

JOSÉ. Welche Freude!

MICAËLA. Mich hat die Mutter hergesendet!

Nr. 7. Duett.

JOSÉ. Wie? du kommst von der Mutter? Ach, die Teure, die Gute –

MICAËLA. Als Botin komm ich her und bring mit frohem Mute dieses Schreiben.

JOSÉ. Wie – ein Schreiben?

MICAËLA.
Und noch dies Stückchen Gold,
Um aufzubessern deinen knappen Sold.
Und noch –

JOSÉ.
Was noch?

MICAËLA.
Und noch, – wie soll ich's sagen, –
Und noch hat mir die Mutter etwas aufgetragen,
Von hohem Wert für einen guten Sohn,
Wohl mehr als Gold und reicher Lohn.

JOSÉ.
So sprich, mein Mädchen, was sie gegeben?
Sag es mir!

MICAËLA.
Nun, wohlan, es sei!
Was sie von Herzen gab, ich überbring es treu!
Sonntag war's, aus der Kirche gingen wir soeben,
Sie sprach zu mir mit sanftem Ton:
»Nun mach dich auf den Weg, nach der Stadt hinzureisen,
Gott sei mit dir, mein Kind, er wird den Pfad dir weisen.
Er führet sicher dich zu José, meinem Sohn,
Sag dem teuren Kind meiner Schmerzen,
Mutterliebe währt ew'ge Zeit,
Dass sie sein Bildnis trägt im Herzen,
Was er getan, sie gern verzeiht.
Lebe wohl!« sprach mit feuchtem Blicke
Sie zu mir, »und den heissen Kuss,
Den ich auf deine Lippen drücke,
Bring ihn dar als der Mutter Gruss.«

JOSÉ.
Einen Kuss meiner Mutter?

MICAËLA.
Für den Sohn gab sie mir;
Und wie ich ihn empfing, geb ich ihn treulich dir!

JOSÉ.
Ich seh die Mutter dort, sie ruft zurück mir im Bilde
Das stille Tal und das Haus, wo meine Wiege einst stand,
Ach, gerne denk deiner ich, mein teures Heimatland.
Es schlägt mein Herz so stark, und doch wird mir so milde.
Ich seh die Mutter dort, wo meine Wiege stand,
Ruft sie zurück im Bilde. –

MICAËLA.
Er sieht die Mutter dort, sie ruft zurück ihm im Bilde
Das stille Tal und das Haus, sein teures Heimatland.
Wie schlägt sein Herz so stark, und doch wird ihm so milde,
Er sieht die Mutter dort, wo seine Wiege stand,
Ruft sie zurück im Bilde.

JOSÉ.
Wer weiss es, welcher Dämon sich gegen mich wendet?
Selbst in der Ferne schützt mich der Mutter Wort –
Und dieser Kuss, den sie gesendet,
Entreisst mich der Gefahr, er sei mein Schirm und Hort.

MICAËLA.
Die Gefahr dich bedroht? welch Dämon kann das sein?
O vertrau es mir an.

JOSÉ.
Nichts! nein!
Lasse das Fragen, sei ohne Sorgen,
Und sag mir, wann heimwärts du ziehst.

MICAËLA.
Ich? diesen Abend, und bin bei der Mutter schon morgen.

JOSÉ.
Bei meiner Mutter? o sag, wenn du sie siehst;
Dass ich sie lieb aus vollem Herzen,
Mein Dasein nur ihr ist geweiht.
Mög es lindern der Trennung Schmerzen,
Dass sie liebt und verzeiht,
Dass ich treu dir ins Auge blicke,
Sag es ihr, und den heissen Kuss,
Den ich auf deine Lippen drücke,
Bring ihr den, als des Sohnes Gruss.

MICAËLA.
Ich schwör's, den heissen Kuss, den gegeben du mir,
José, wie ich's versprach, ich bring' ihn treulich ihr.

JOSÉ, MICAËLA.
Ich seh die Mutter dort, usw.
Er sieht die Mutter dort, usw,

Nr. 7a. Rezitativ.

JOSÉ. Bleibe da, während hier den lieben Brief ich lese.

MICAËLA. Nicht doch, ich gehe jetzt und später kehr ich zurück.

JOSÉ. Warum willst du fort?

MICAËLA. Weil ich denke, dass besser es ist, wenn ich gehe; noch manches hab ich zu besorgen.

JOSÉ. Du kehrst zurück?

MICAËLA. Bald bin ich hier.

JOSÉ. Fürchte nichts, o Mutter! Dein Sohn wird deine Wünsche mit Freuden stets erfüllen. Lieb ich doch Micaëla, sie soll mein Weibchen sein, trotz deiner Blumen, du braune Hexe.

Nr. 8. Chor.

ZUNIGA.
Was ist dort geschehen?

CHOR DER CIGARRENARBEITERINNEN.

1. GRUPPE.
Kommt zu Hilf! hört ihr das Geschrei?

2. GRUPPE.
Kommt zu Hilf! Eilet schnell herbei!

1. GRUPPE.
Carmen begann den Streit,

2. GRUPPE.
Nein, nein, sie ist nicht schuldig! 's ist nicht wahr.

1. GRUPPE.
Sie war es, sie ist so ungeduldig,
Sie hat den ersten Streich getan.

2. GRUPPE.
Nein, höret sie nicht an.
O hört uns an
Carmen hat's nicht getan,
Herr Soldat, hört uns an.

1. GRUPPE.
Nein, hört sie nicht an,
O hört uns an.
Nein, nein, sie hat's getan!
Herr Soldat, hört uns an!

2. GRUPPE.
Mercédès beim Wickeln sprach:
Mir ist zuwider das Laufen,
Möchte einen Esel kaufen,
Reiten bis hierher gemach.

1. GRUPPE.
Carmen, wie es schon ihr Brauch,
Hob an mit spöttischen Mienen:
Wozu soll ein Esel dienen?
's ging mit einem Besen auch.

2. GRUPPE.
Mercédès nichts schuldig blieb,
Ihr Mundwerk geht wie am Schnürchen:
Wünsche ich mir so ein Tierchen,
Geschieht's ja nur dir zulieb!

1. GRUPPE.
Auf dem Esel kannst verkehrt
In Parade du sitzen,
Aus der Stadt mit Nesselspitzen
Peitscht man dich, wie sich's gehört.

ALLE.
Kaum heraus dieses Wort war,
Lagen sie sich in dem Haar,
Eh man's versah, zu spät es war,
Lagen sie sich in dem Haar.

ZUNIGA.
Zum Teufel! mit dem Schrein und Plaudern!
Hinein, José! und nehmt mit Euch zwei Mann,
Sehet nach, was es gibt und schafft Ruh ohne Zaudern.

CHOR.

1. GRUPPE.
Carmen begann den Streit.

2. GRUPPE.
Nein, nein! sie ist nicht schuldig!

1. GRUPPE.
Sie ist so ungeduldig!

2. GRUPPE.
's ist nicht wahr!

1. GRUPPE.
Sie hat den ersten Streich getan.

ZUNIGA.
Heda! fort mit dem Weibsvolk und schafft freie Bahn.

CHOR.
Mein Herr! nein, höret sie nicht an,
Sie war's, die es getan!
O hört uns an,
Die hat's getan.

2. GRUPPE.
Carmen hat's nicht getan,
Herr Soldat, hört uns an,

1. GRUPPE.
Nein, nein, sie hat's getan
Herr Soldat hört uns an.
Carmen den Streit fing an,
Sie führt den blutigen Streich!

2. GRUPPE.
Mercédès hat's getan!
Sie ging entgegen ihr gleich.

1. GRUPPE.
Carmen hat's getan

2. GRUPPE.
Mercédès fing an.

1. GRUPPE.
Ja, ja, ja!

2. GRUPPE.
Nein, nein, nein!

ALLE.
Sie hat zuerst den Streich getan.

1. GRUPPE.
Carmen zuerst fing an
Sie war's, sie hat's getan.

2. GRUPPE.
Mércède' hat's getan
Sie war's, sie hat's getan.

Nr. 9. Lied und Rezitativ.

CHOR. Mein Offizier, ein Streit entspann sich droben, wohl zuerst nur in Worten, dann kam's zu Messerstichen, 's ward ein Mädchen verwundet.

ZUNIGA. Und durch wen?

JOSÉ. Hier durch diese!

ZUNIGA. Du hast's gehört, was hast du zu erwidern?

CARMEN.
Tralalalala!
Brenne, schneide und foltre, dass reden ich soll,
Tralalalala!
Doch, ich trotze dem Himmel, dem Eisen, dem Feuer.

ZUNIGA. Keine Lieder will hören ich, gib Antwort auf meine Frage sogleich.

CARMEN.
Tralalalala!
Das Geheimnis ist mein, und ich hüte es wohl.
Tralalalala!
Ja, ich lieb ihn, im Tode noch ist er mir teuer.

Rezitativ.

ZUNIGA.
Willst lassen das Singen du nicht,
Nun, so magst im Gefängnis du singen nach Lust.

CHOR.
Ins Gefängnis mit ihr.

ZUNIGA. Beim Teufel! leicht, wie es scheint, führt dein Händchen das Messer!

CARMEN.
Tralalalala.

ZUNIGA.
's ist doch schade um diese Kleine, reizend das Schmollen ihr lässt.
Doch gilt es hier, Ernst ihr zu zeigen.
Bindet ihr die Hände fest!

CARMEN.
Wo führst du mich hin?

JOSÉ.
Nach dem Befehl folgst du mir ins Gefängnis!

CARMEN.
Und kannst du mich nicht befreien?

JOSÉ.
Leider nein, folgen muss ich dem Befehl.

CARMEN. Doch ich weiss, dass für mich den Befehlen des Chefs du trotzest, alles tust, was ich von dir will, und warum? Weil du mich liebest!

JOSÉ. Ich dich lieben?

CARMEN. Ja, mein Freund! Die Blume, die ich dir geworfen, du weisst, die Blume der Hexe, die du in der Brust noch verbirgst, sie übt den Zauber.

JOSÉ.
Sprich nicht mehr zu mir, schweige still!
Nicht hör ich länger dich an!

Nr. 10. Seguidilla und Duett.

CARMEN.
Draussen am Wall von Sevilla
Wohnet mein Freund Lillas Pastia,
Dort tanze ich die Seguidilla
Und trink Manzanilla!
Dort, bei meinem Freunde Lillas Pastia.
Ach, besser ist es doch zu zweien,
Langweilig ist's, allein zu sein.
So soll mir, seinen Arm zu leihen,
Der Liebste mein Begleiter sein.
Der Liebste mein? wenn ich ihn hätte!
Ich jagt ihn gestern erst davon.
Mein armes Herz ist ohne Zweifel,
Frei, wie der Vogel in der Luft.
Ich zähl die Liebsten dutzendweise,
Keiner gefällt mir sicherlich.
So schliesst die Woche im Geleise,
Und wer mich mag, den liebe ich.
Wer kommt mir denn liebend entgegen,
Wer findet wohl das rechte Wort?
's ist nicht Zeit, das zu überlegen,
Mit dem Liebsten muss schnell ich fort.

JOSÉ.
Jetzt schweig – ich hab das Sprechen dir verboten überhaupt.

CARMEN.
Ich sprach ja nicht mit dir, ich sing für mich nur eben,
Dabei denk ich – das Denken, mein ich, ist wohl erlaubt,
Ich denk an den Mann, lieb und wert,
An den Offizier, den ich lieb, mehr als mein Leben
Und dem mein Herz für ew'ge Zeit gehört.

JOSÉ.
Carmen!

CARMEN.
Mein Offizier ist, ich kann's nicht verhehlen,
Nicht Kapitän, auch nicht Leutnant, er ist nur Sergeant,
Doch, was hat ein Zigeunerkind auszuwählen?
Bin zufrieden mit seinem Stand.

JOSÉ.
Carmen, ach, mir schwinden die Sinne,
Kaum mehr weiss ich, was ich beginne,
Dein Versprechen, es bindet dich,
Wenn ich dich liebe, ach, dann liebst du auch mich?

CARMEN.
Ja.

JOSÉ.
Bei Lillas Pastia!

CARMEN.
Wir tanzen dort die Seguidilla.

JOSÉ.
Wir tanzen dort.

CARMEN.
Trinken vereint Manzanilla.

JOSÉ.
Carmen! Du hältst dein Wort?

CARMEN.
Ach! draussen am Wall usw.

Nr. 11. Finale.

ZUNIGA.
Hier der Befehl! Nun geht und haltet gute Wache.

CARMEN.
Unterwegs geb ich dir einen Stoss
Mit der ganzen Kraft, und der lässet mich los;
Strauchle dann, falle hin, das andre ist meine Sache.

Von José abgeführt, lacht sie Zuniga ins Gesicht.

Die Liebe von Zigeunern stammet,
Fragt nach Rechten nicht, Gesetz und Macht;
Liebst du mich nicht, bin ich entflammet,
Und wenn ich lieb, nimm dich in acht!

Vorhang.

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