CHOR.
Seht schon flieh'n die Schatten
Von den Alpenmatten
Vor dem Morgenstrahl.
Darum ohne Weilen
Laßt hinab uns eilen
Nach der Stadt im Thal.
DIE MÄDCHEN rufend.
Bettly! Bettly! wo mag sie sein? ist sie schon fort?
Sie sollte mit uns geh'n und läßt sich nirgend's sehen!
DIE BURSCHE mit gedämpfter Stimme, umherblickend.
O weh! jetzt ist es wohl um unsern Spaß geschehen,
Zum süßen Stelldichein hält Daniel nicht Wort.
DIE MÄDCHEN.
Zu seh'n, ob unsre List gelungen,
Ist's nun zu spät, wir müssen gehn!
DIE BURSCHE.
Wie tief er sich in's Netz verschlungen
Das werden wir heut' Abend seh'n.
ALLE.
Seht schon flieh'n die Schatten
Von den Alpenmatten
Vor dem Morgenstrahl.
Darum ohne Weilen
Laßt hinab uns eilen
Nach der Stadt im Thal.
DIE MÄDCHEN.
Er ist's! Siehe da! Daniel,
Der schönste Bursch von Appenzell.
DIE BURSCHE unter sich, halblaut.
Seht wie er stolz und freudig blickt,
Seit wir das Brieflein ihm geschickt!
DANIEL.
ALLE.
Alles soll für uns heute sein.
DANIEL.
O, des hohen Glückes!
Sie die Schönste liebt mich!
Nehmt an dem Entzücken
All' Ihr Nachbarn Theil.
Freundlichst seid geladen
Heut' zu mir Ihr Alle,
Meine theuren Freunde,
Auf kommt schnell zu mir.
CHOR.
Seht wie freundlich er gewogen,
Alles gibt er, Tanz und Wein.
Wüßt' er, wie wir ihn betrogen,
Lüd' er sicher uns nicht ein.
DANIEL.
Vom Tanzen und Springen
Soll alles erklingen
Am festlichen Tag.
CHOR.
Am festlichen Tag.
DANIEL.
Nein, es ist kein Traum! Da steht es ja schwarz auf weiß: »Keinem Anderen, als Euch, theuerster Daniel,
gehört mein Herz und heute noch bin ich bereit, Euch meine Hand vor dem Altare zu reichen!« – Ich gestehe, daß
mich diese plötzliche Gesinnungsänderung höchlich überrascht hat, da Bettly mir niemals die geringste Hoffnung
gab; im Gegentheil, sie behandelte mich so schnöde, daß ich der Verzweiflung nahe kam; ei nun, alle hübschen
Mädchen haben ihre Launen und Bettly hat vor Allen ein Recht dazu; bin ich ja doch nicht der Einzige, der nach
ihrem niedlichen Händchen trachtet; alle Bursche weit und breit, sind von ihr bezaubert. Wie hart, ja grausam sie
mich früher auch behandelte; Alles soll vergessen seyn; ihr Briefchen hat allen Gram aus meinem Herzen verbannt –
und doch bin ich ihr ein Bischen böse, daß sie schon so früh ausgegangen ist! Sie konnte sich leicht denken, daß
ich nach Empfang ihrer Himmelsbothschaft auf der Stelle hieher eilen würde, um ihr meinen heißen Dank abzustatten!
Gott weiß, sie hat mich lange genug seufzen und schmachten lassen – vielleicht war es aber auch meine eigene
Schuld! Ich hätte kecker seyn und nicht so schüchtern um sie herschleichen, sondern gleich mit der Sprache heraus
rücken sollen: Willst Du mich oder nicht? – Gott muß ein Wunder gethan haben, sonst wäre sie gewiß nicht mit einem
schriftlichen Liebesbekenntniß mir zuerst entgegen gekommen. Aber um so besser! Juchhe!
BETTLY.
Sieh da, Daniel! Was treibt Euch denn so früh schon her?
DANIEL bei Seite.
Welch eine Frage! Laut. Wär es nicht fügsicher, wenn ich fragte, was Euch schon
in aller Frühe aus dem Hause getrieben hat?
BETTLY.
Ei, das will ich Euch sagen; der Einnehmer unten im Dorfe ließ mir sagen, es sei ein Brief an mich bei
ihm angekommen, – von wem anders könnte dieser Brief seyn, als von meinem Bruder Max. – Ihr könnt wohl denken, daß
mich die Ungeduld, wieder einmal nach so langer Zeit etwas von ihm zu erfahren, schon in aller Frühe zum Einnehmer
trieb. Seht, da hab' ich den Brief.
DANIEL verlegen.
Nun, befindet er sich wohl, der Bruder Max ... ist er im Kriege nicht todt geschossen
worden? ...
BETTLY.
Wie könnte er mir denn sonst schreiben?
DANIEL.
Ja so – nun, einem Soldaten kann das schon passiren – Eurem Max besonders, der schon so lange Zeit im
Felde dient –
BETTLY seufzend.
Heut sind es fünfzehn Jahre, seit er von hier fortgezogen ist – ich war damals noch ein
kleines Kind – ich meine aber, ich sehe ihn noch vor mir, wie er Abschied nahm, der gute Maxli, wie er, den
Tornister aufgeschnallt, bald den Vater, bald die Mutter – Beide lebten damals noch – in die Arme schloß und den
Thränen nicht zu wehren vermochte – wie er mich auf den Arm nahm, an das Herz drückte und in die Worte ausbrach,
die mir unvergeßlich bleiben: »Adje, Schwesterchen! Wenn mich keine Kugel wegrafft, so komm' ich zu deinem
Hochzeitsfeste wieder zurück, um es mitfeiern zu helfen.«
DANIEL bei Seite.
Das konnte sich nicht besser fügen!
BETTLY.
Was sagt Ihr?
DANIEL.
Nun ich meine nur – nein, ich wollte sagen – es kommt doch ungelegen – aber – aber, sey's drum, es
freut mich herzlich, die Bekanntschaft des Bruders Max machen zu können – nur fiel es mir schwer, wenn wir unsere
Hochzeit bis zu seiner Rückkunft verschieben müßten ....
BETTLY.
Was schwatzt Ihr da von unserer Hochzeit? – Ich glaube, Daniel, Ihr seid nicht recht bei Troste? Woher
sind Euch denn diese Gedanken zugeflogen?
DANIEL.
Ei der Tausend! Ihr fragt, woher? Woher denn sonst als von Euch, Jungfer Bettly! Hab' ich denn nicht
gestern Er reicht ihr den Brief hin. dieß Brieflein, von Euch erhalten? Dieß liebe, liebe Brieflein, das
mich in den Himmel versetzt hat?
BETTLY nimmt ihm den Brief ab und betrachtet denselben verwundert.
Dieser Brief von mir? Ich soll einen Brief geschrieben haben?
DANIEL.
O Gott, Ihr fragt noch und haltet ihn in der Hand, diesen Brief, der mir endlich die Erfüllung meiner
sehnlichsten Wünsche gewährt, der mir Eure lange verheimlichte Liebe gesteht, der mir heute noch Eure Hand vor dem
Altare verheißt, und ...
BETTLY.
Aber, Daniel, so kommt doch zur Vernunft! Dieser Brief rührt nicht von mir her – das wäre unmöglich –
und zwar schon aus dem Grunde, weil ich nicht schreiben kann – das heißt, meinen Namen, den kann ich schon
zierlich hinmalen, das hat mich der Herr Pfarrer gelehrt, aber sonst kein Wort!
DANIEL.
Wie! ach Gott, ach Gott! All mein Hoffen ist dahin! Euer Herz, Eure Hand. – Diese Schätze sind mir alle
plötzlich wieder entschwunden! Ihr habt nichts, gar nichts versprochen? Ihr habt nicht einmal etwas dergleichen in
Gedanken getragen? –
BETTLY.
Nein, nicht im Entferntesten! Gott sey mein Zeuge!
DANIEL.
So bin ich verrückt? Steht denn mein Kopf noch auf dem alten Fleck? Was soll denn das heißen?
BETTLY.
Das soll heißen, guter Daniel, daß die Bursche und Mädchen der Nachbarschaft sich wieder einmal einen
Spaß gemacht und Euch – und leider auch mich zum Besten gehabt haben.
DANIEL.
O! Abscheulich, abscheulich! – So bleibt mir nichts übrig, als mich in den See zu stürzen.
BETTLY ihn zurückhaltend.
Wo denkt Ihr hin, Daniel!
DANIEL.
Ach, Jungfer Bettly, – Ihr wißt nicht, was ich in der Freude meines Herzens schon gethan – ich habe
alle Freunde und Bekannte aus der ganzen Nachbarschaft auf heute Abend zur Hochzeit geladen! Ich habe schon die
Geiger und Pfeiffer bestellt – für Essen und Trinken gesorgt – ich habe schon –
BETTLY.
Allmächtiger Himmel!
DANIEL.
All meine Fässer hab' ich angestochen, einen Ochsen und zwei Hämmel geschlachtet, allen meinen Gänsen
die Hälse abgeschnitten. – Warum denn nicht – war ich ja doch so unaussprechlich glücklich – die ganze Welt hätt'
ich einladen und bewirthen mögen, und sie meine Wonne mit empfinden lassen – ich war außer mir vor Seligkeit –
ganz berauscht – ja, dieser Taumel hat mich noch zu weit mehr hingerissen; ich bin sogar zum Advocaten gelaufen,
um unsern Heiraths-Contract ausfertigen zu lassen.
BETTLY.
Du bist ein entsetzlicher Mensch! Unseren Heiraths-Contract!
DANIEL.
Ja, gleich unter meinen Augen hat er ihn verfertigen müssen. Ich vermache darin meiner Frau Alles, was
ich besitze. Ich bin der Reichste im ganzen Oberland; ich habe dreihundert Kühe auf der Hochalp und außerdem eine
Sägemühle und zwei Meiereien. Und Alles das sollte Euer sein und ich dazu noch obendrein, versteht sich. Von mir
ist der Contract bereits unterzeichnet, da, seht nur – es fehlt nur noch Euer Name und – erhört ihr mich nicht, so
bin ich verloren, so bin ich mit Schimpf und Schande bedeckt, der ganze Canton wird mit Fingern auf mich weisen.
BETTLY.
Wie habt Ihr aber auch so leichtsinnig sein können! Meinen Ruf so zu compromittiren. Hat man jemals so
etwas erlebt! Wie kann man nur so unvernünftig seyn, einem bloßen Brief, dessen Hand man nicht einmal kennt,
blinden Glauben zu schenken. Hättet Ihr mich denn nicht erst fragen können?
DANIEL schüchtern.
Meiner Treu! Man glaubt so rasch an ein Glück! Ach, wie werden sie mich all nun
auslachen und verspotten! – Und doch wär' es uns ein Leichtes, wenn nur Ihr wolltet, Jungfer Bettly, umgekehrt uns
über sie lustig zu machen.
BETTLY.
Wie so denn?
DANIEL.
Ihr braucht nur Euren Namen hier auf den Contract zu setzen.
BETTLY.
Wo denkt Ihr hin? Das gäb' eine schöne Geschichte – dann wären wir ja verheirathet!
DANIEL.
Ei, das ist's ja, was ich so sehnlich wünsche!
BETTLY.
Aber ich nicht im Geringsten; nein, nein, daraus wird nichts! Ihr wißt, Daniel, und ich hab's Euch
schon mehr als Einmal rund heraus gesagt: ich will kein Wort von heirathen hören – ich hab es mir feierlich
geschworen. ...
DANIEL.
Ach, und warum denn.
BETTLY.
Warum?
DANIEL.
Tra la la! Tra la la! Das sind mir schöne Gründe! Wenn ich nur um Gotteswillen so gescheid wäre,
bessere dagegen zu finden! .... Wie wollt ich Euch beweisen ...
BETTLY.
Was denn?
DANIEL.
Daß ihr nothwendig einen Mann nehmen müßt.
BETTLY.
Und was hätt' ich davon?
DANIEL.
Curiose Frage! – Ist eine herzliche Liebe nichts?
BETTLY.
Ei gewiß! ... Wer hindert Euch aber, mich zu lieben? ... versteht sich, nur als Freund ... Kann ich
nicht auf Eure Freundschaft zählen?
DANIEL.
O sicher, sicher, Jungfer Bettly.
BETTLY.
So auch Ihr auf die meinige! Denn seht, Daniel! Ich lasse Euren guten Eigenschaften Gerechtigkeit
widerfahren ... Ihr seid ein wackerer Mann! Euer Herz könnte nicht besser seyn – und wenn ich mich jemals zum
Heirathen entschließen wollte-so würd' ich keinen Anderen nehmen, als Euch!
DANIEL mit Wärme.
Wirklich!
BETTLY.
Aber beruhigt Euch! – Ich werde niemals heirathen – ich will gar nichts davon hören! Darum thut mir den
Gefallen und sprecht mir nicht mehr davon, hört Ihr, kein Wort mehr! Und nun, um auf etwas Anderes zu kommen,
hört, wollt Ihr mir wohl einen Dienst erweisen?
DANIEL.
Tausend für Einen! Sprecht, was soll ich thun? Wohin soll ich laufen?
BETTLY.
Ihr sollt mir nur den Brief meines Bruders vorlesen – ich kann aus dem Geschriebenen nicht recht klug
werden – ich bin nicht so geschickt, wie Ihr.
DANIEL.
Ja, ich habe, Gottlob, meine Zeit in der Schule von St. Gallen nicht verloren und lesen, schreiben und
rechnen gelernt, das ist schon was werth! Zwar sagt man nicht mit Unrecht, »Je gelehrter, je Verkehrter,« das
merk' ich an mir; doch, was schwatz' ich da! Gebt her den Brief! Was schreibt er denn, der Herr Max! Liest
laut. »Im kaiserlichen Lager des Prinzen Karl den 1. Juni.« – Der Brief ist lang unterwegs geblieben – Wir
haben ja schon Mitte Juli ...
BETTLY.
Das ist gerade nicht so auffallend; die Armee des Prinzen Karl und die des Generals Suwarof ziehen
sich, wie es heißt, vor den Truppen Massena's zurück, wodurch alle Verbindungen unterbrochen sind.
DANIEL.
Aha, ich verstehe! Liest weiter. »Ich weiß Dir nichts Neues zu schreiben, liebste Bettly, als
daß wir, ich und mein Regiment, uns noch immer täglich im österreichischen Dienste herumschlagen, und daß wir
dessen müde genug sind; ich hoffte, Urlaub zu erhalten, um dich umarmen zu können ...«
BETTLY.
Nach fünfzehnjähriger Trennung! O welch ein Glück .. meinen guten, lieben Bruder endlich wiederzusehen!
DANIEL liest weiter.
»Aber leider scheint es, daß ich nicht auf diese Freude zählen kann, der strenge
Dienst läßt keinen Urlaub zu. Was mich am meisten betrübt, meine liebe Schwester, ist, daß meine Hoffnung, bei
meiner Rückkehr dich von einem Regiment Kinderchen umgeben zu finden, zu Wasser geworden, denn aus Deinem letzten
Schreiben ersehe ich, daß Du noch gar keine Anstalten zu solch einem häuslichen Glück getroffen hast, und ich
meine doch, es wäre jetzt wohl an der Zeit, dich einzurichten – ein Mädchen in Deinem Alter sollte nicht länger
zaudern, unter die Haube zu kommen!« – Ja, ja, er hat ganz Recht, der Bruder Max, er hat ganz Recht!
BETTLY zornig.
Hört, Daniel! wenn wir gute Freunde bleiben sollen, so verbitt' ich mir solche
Bemerkungen!
DANIEL den Brief wieder zusammenfaltend.
Wenn es Euch ärgert, so will ich lieber nicht weiter lesen.
BETTLY ungedultig.
So lest in Gottesnamen vollends aus!
DANIEL liest weiter.
»Warum willst du denn nicht jeuen braven Jungen heirathen, der um Deine Hand
wirbt?«
BETTLY ungeduldig.
Wer hat es gewagt, meinem Bruder dies zu schreiben?
DANIEL verlegen.
Ich ... Jungfer Bettly ... vor zwei Monaten schon.
BETTLY.
Und ohne meine Bewilligung.
DANIEL.
Ich wollte ihn zuerst um die seinige bitten; ich denke, wenn es Einem mit feiner Liebschaft Ernst ist,
so muß sich doch erst an die Familie wenden und ihre Billigung einholen ... Soll ich weiter lesen?
BETTLY.
Nun ja doch!
DANIEL weiter lesend.
»Der Bursche scheint mir eine gute Parthie für Dich; er ist aus einer honetten
Familie, reich, sterblich in Dich verliebt« – Das Lesen unterbrechend, gerührt. Der gute Bruder, hört Ihr
Jungfer Bettly! Weiter lesend. »Zwar kommt er mir etwas einfältig vor« Für sich. Oho!
BETTLY mit triumphirender Miene.
Hört Ihrs, Herr Daniel!
DANIEL weiter lesend, mit starker Betonung.
»Aber, das wäre kein Grund, um ihm einen Korb zu geben ...
im Gegentheil. Uebrigens will ich noch nähere Erkundigung über ihn einziehen, und, lauten sie günstig, Donner und
Granaten! dann wirst du Dich hoffentlich nicht länger sperren, ihm Deine Hand zu reichen!«
BETTLY ihm den Brief entreißend.
Genug; das ist zu viel! Selbst mein Bruder hat nicht das Recht, meinem
Willen Zwang aufzulegen ... ja, Ihr braucht nur darauf zu verharren, um meine Gleichgültigkeit in Haß zu
verwandeln.
DANIEL.
Aber, beste Jungfer Bettly ...
BETTLY.
Genug davon, ich muß jetzt auf den Markt!
DANIEL will ihr behülflich seyn, ihren Korb aufzuladen.
Darf ich Euch nicht ein Bischen helfen?
BETTLY.
Es ist unnöthig!
DANIEL.
So nehmt doch wenigstens meine Begleitung an!
BETTLY.
Ich brauche keinen Begleiter ... ich will keinen! Kurz, um frei zu sprechen, ich seh' es nicht gern,
daß Ihr den ganzen Tag über hier in meiner Wohnung herumschleicht, das kann leicht meinem guten Ruf schaden und
böse Zungen aufstiften, die hier ohnehin so geschäftig sind ... Also von heute an muß ich mir Eure Besuche
verbitten ... Was meinem Bruder nicht alles einfällt! ... Mir gleichsam befehlen zu wollen, was ich thun soll! ...
Der kommt mir recht! Nun Daniel, Ihr habt jetzt meine Meinung vernommen – richtet Euch darnach.
DANIEL allein, setzt sich an einen Tisch und stützt den Kopf in die Hand.
Jetzt ist Alles aus! Das war ein Todesstoß für mich! Nach einer Pause. Ich will nur noch überlegen, was rathsamer ist, mich von einem
Felsen zu stürzen, oder in den See zu springen! Mir bleibt nichts anderes mehr übrig! Es ist nur das Verdrießliche
bei der Sache, sich selbst umbringen zu müssen ... Erstens, soll es eine Sünde seyn, wie der Pfarrer sagt, und
Zweitens, ist es an und für sich eine unangenehme Sache ... Wenn ich nur wenigstens einen guten Freund wüßte, der
mir diesen Liebesdienst erwiese ... Man hört von Ferne einen kriegerischen Marsch Horch! was ist das?
Geht an die Thüre und blickt hinaus Da kommen Soldaten den Berg herauf geklettert! Sollten es Franzosen seyn,
oder Oesterreicher, oder gar Russen? ... Nein ... Landsleute, Schweizersoldaten sind's ... Nun, die kommen, wie
gerufen ... Sie sollen mich haben ... auf der Stelle laß' ich mich anwerben! ... Es müßte doch mit Hexerei zugehn,
wenn nicht irgend eine Kugel so gefällig wäre, mir einen Vorschuß auf die Ewigkeit zu machen. Ich brauche mir dann
doch wenigstens keinen Selbstmord vorzuwerfen Er winkt den Soldaten herzu. Hierher, meine Herren, nur
hierher! ... Wäre Jungfer Bettly noch da, sie würde Ihnen gleich die Honneurs machen; so will ich nun dies Amt, an
ihrer Statt übernehmen.
MAX zu seinen Soldaten.
ALLE.
Sehr wohl, Herr Sergeant!
MAX.
Beim Henker, ich fürchte, der Umweg, den ich mit meinen Leuten hierher machte, hat uns in diesem Labyrinth
von Bergen irre geführt! Er bemerkt Daniel. Heda, Bursche, sag mir doch, haben wir noch weit von hier nach
Herißau, wo sich morgen das Regiment vereinigen soll?
DANIEL schenkt ihm zu trinken ein.
Ihr braucht nicht zu eilen! In drei Stunden könnt Ihr es bequem
erreichen und wenn Ihr Lust habt, Unterwegs einzukehren – unten im Thal liegt mein Hof dicht an der Straße; Ihr
könnt dort mit sammt Euren Begleitein übernachten und es soll Euch nichts abgehen ... fragt nur nach dem Daniel
Birrmann!
MAX lebhaft.
Daniel Birrmann? – Aus Appenzell?
DANIEL.
Ganz recht – nun, was giebt es dabei zu verwundern?
MAX ihm die Hand schüttelnd.
Ich habe in der Gegend schon viel Gutes von Dir gehört; es freut mich, daß
mich der Zufall Deine Bekanntmachung machen ließ!
DANIEL.
Es kommt nur auf Euch an, mich noch näher kennen zu lernen; ich wollte Euch so eben er suchen, mich
anzuwerben.
MAX.
Wie? ... dann verhält sich die Sache doch nicht so, als ich glaubte.
DANIEL.
Doch, doch, es ist mein völliger Ernst! Morgen früh, wenns Euch recht ist, schnall ich mir das
Tornister auf und ziehe mit Euch. Ich muß diesem Zustande ein Ende machen, so kann's nicht länger fortgehen; ich
bin zu unglücklich!
MAX.
Unglücklich? Wie so? Laßt doch hören!
DANIEL.
Mein Unglück ist grenzenlos, Herr Sergeant! Ich bin verliebt in ein Mädchen, das nichts von mir wissen
will.
MAX.
Was ist das für ein Mädel?
DANIEL.
Bettly Sterner, heißt sie.
MAX bei Seite.
Bettly ... meine Schwester.
DANIEL.
Das schönste Mädchen im ganzen Lande! Sie hat einen Bruder, der beim Militair ist und den Ihr
vielleicht dem Namen nach kennt.
MAX.
Ich glaube mich seiner zu erinnern.
DANIEL.
Corporal Max Sterner ... es heißt, er werde bald zurückkommen.
MAX.
Der Corporal Sterner? Das möcht ich doch bezweifeln.
DANIEL.
Nun, sei dem wie es wolle; es läßt sich doch nichts besser machen! denn seit er ihr geschrieben hat,
sie solle mich nehmen, will sie gar nichts mehr von mir wissen, ja, sie hat mir einen förmlichen Korb gegeben ...
ich habe ihr heute früh den Heiraths – Contract gezeigt, worin ihr mein ganzes Vermögen verschrieben ist, nun muß
ich ihn aber wohl in mein Testament verwandeln, denn ich bin fest entschlossen, in den Krieg zu gehen, und mich
todtschießen zu lassen – das ist der Grund, weshalb ich mich Euch angeboten habe.
MAX.
Was Teufel soll denn das heißen? ... Das ist ja ein Starrkopf ohne Gleichen! Komm her, Alter! ... Bettly
scheint demnach ihren Bruder nicht zu lieben.
DANIEL.
O, das wohl!
MAX.
Nun, so liebt sie Dich also nicht!
DANIEL.
Gewissermaßen doch ... noch diesen Morgen hat sie mir es selber gesagt, daß sie mich allen andern
vorzöge ... nur das Heirathen will ihr nicht in den Kopf ... Sie will für immer ledig bleiben ... s' ist einmal so
ihr Gusto ... sie meint, sie brauche sich um die ganze Welt nichts zu bekümmern ... sie bedürfe keines Menschen
...
MAX.
Das ist eine verrückte Idee! Ein Mädchen ihres Alters muß Jemanden haben, der ihre Stütze, ihr
Vertheidiger ist ... und das kann Niemand besser seyn, als ein Ehemann.
DANIEL.
Ach, das wiederhole ich ihr ja Tag für Tag!
MAX.
Und was antwortet sie darauf?
DANIEL.
Sie sähe die Nothwendigkeit gar nicht ein, zu heirathen ... das hat sie mir noch so eben hier in ihrem
eigenen Hause zum hundertsten Male gesagt.
MAX freudig.
In ihrem eigenen Hause? ... So bin ich denn bei ihr?
DANIEL.
Ja – als ihr Vater gestorben war, da verkaufte sie ihr Wohnhaus im Thale und kaufte sich dafür hier
oben diese Sennerei.
MAX in Gedanken.
So, so ... nun gut ... geh' jetzt!
DANIEL.
Wohin denn?
MAX.
Nach Hause! Hole Deine Papiere ... Deinen Taufschein, Heimathszeugniß und dergleichen. Das muß ich haben,
wenn ich dich anwerben soll ... Hast Du denn nicht gesagt, Du wollest Soldat werden?
DANIEL.
Ei freilich! Aber – Aber ... nun, s' ist Alles Eins. Ich bin Euch schon Dank schuldig ... für die guten
Einfälle, die Ihr gehabt habt! Ich will gleich wieder zurück seyn.
MAX.
Schön ... geh' jetzt und lasse mich allein!
DANIEL.
Also morgen – da ziehe ich mit Euch ... Zwar habt ihr mich da wieder einen Strahl von Hoffnung blicken
lassen, der ...
MAX mit rauhem Tone.
Donner und Granaten ... willst du Dich gleich fortpacken?
DANIEL.
Ja, ja, Herr Sergeant, ich gehe schon! Bei Seite. Das ist ein grobes Volk, diese Soldaten! Und
doch werd ich morgen ihres gleichen sein. Er begegnet einem drohenden Blicke Maxens. Ich gehe ja – Ihr
seht ja, daß ich gehe.
MAX.
Dort auf dem schmalen Pfad, der nach dem Dörfchen führet,
Wer kömmt? – sie ist's – O Gott, wie treibt die Sehnsucht mich,
Zu drücken sie an's Bruderherz!
CHOR DER SOLDATEN.
Sagt nur, sagt nur, was soll gescheh'n?
MAX.
So plündert denn,
Ihr Freunde, ohne Gnade dies Haus.
CHOR.
Ihr scherzet wohl, Sergeant!
MAX.
Ich scherze nicht; Greift an! Ich steh für Alles gut:
Im Nothfall zahl ich's auch!
ALLE SOLDATEN unter sich, halblaut.
Das ist uns frischen Muth
CHOR.
Den Wein, den Wein, den Rum, den Rack,
Nut schnell damit in deinen Sack;
Steck ein, steck ein, mein Camerad,
Im Krieg ist alles dem Soldat!
Auf, zu suchen Wein und Braten,
Dringen wir zum Haus hinein,
Zeigt euch tapfer ihr Soldaten,
Holen wir gar schnell den Wein.
Mit Flaschen angefüllet
Soll unser Ranzen sein;
Doch erst den Durst gestillet
Sonst schrumpft der Magen ein.
BETTLY voll Bestürzung.
O Gott, was muß ich sehn! Was sucht Ihr denn bei mir?
MAX.
Ein gutes Mittagsmahl. Wir nahmen hier Quartier,
Und Deine Schönheit soll dann unsre Tafel schmücken.
BETTLY.
Was habt Ihr für ein Recht?
MAX zu einem der Soldaten.
Ein Mädchen zum Entzücken!
Wie reizend nimmt die Furcht in solchem Bild sich aus!
BETTLY.
So sagt nur, was ihr wollt?
MAX mit galantem Ausdruck.
Was Du hast hier im Haus.
BETTLY.
Ich habe nichts!
MAX.
Das wird Dir Niemand glauben.
MEHRERE SOLDATEN mit gefangenem Geflügel kommend.
Triumpf, Gott Mars verläßt uns nie!
ANDERE SOLDATEN bringen Kaninchen.
Seht her, was mir erbeutet!
MAX.
Recht brav, für uns alle genug.
BETTLY.
Mein ganzer Hühnerhof! o ungeheure Keckheit!
MAX zu Bettly.
Jetzt die Schlüssel zum Wein!
BETTLY.
Nein, das geht zu weit!
Ich liefre sie nicht aus!
ANDERE SOLDATEN einen Korb voll Weinflaschen bringend.
Zu entbehren sind sie,
Schon ist die Thür gesprengt!
BETTLY händeringend von einer Gruppe zur andern eilend.
Ihr richtet mich zu Grund!
DER CHOR sich über die Flaschen hermachend.
Den Wein, den Wein, den Rum, den Rack,
Nur schnell damit in deinen Sack;
Steck ein, steck ein mein Kamerad,
Im Krieg ist alles dem Soldat.
Auf, zu suchen Wein und Braten,
Dringen wir zum Haus hinein,
Zeigt euch tapfer ihr Soldaten,
Hohlen wir nur schnell den Wein.
Mit Flaschen angefüllet
Soll unser Ranzen sein,
Doch erst den Durst gestillet
Sonst schrumpft der Magen ein.
BETTLY.
Mein bester Wein! den ich für meinen Bruder
Hab' aufgespart!
MAX.
Beruh'ge Dich, mein Engel!
MEHRERE SOLDATEN anklingend.
Heil unsrer Wirthin, unsrer schönen Wirthin!
Auch gieb, um unser Fest zu krönen,
Ein Küßchen uns!
MAX die Soldaten zurückstoßend.
Nein, haltet ein, haltet ein!
Das duld' ich nimmer mehr.
DIE SOLDATEN unter sich.
Wir versteh'n,
Der Sergeant will sie allein für sich.
MAX.
Ihr habt's errathen!
BETTLY zusammenfahrend.
O, Gott!
MAX zu Bettly.
Mein Kind, wir ziehn schon Morgen fort;
Doch führt Dir noch, sei außer Bangen,
Zwei Wochen lang Dein guter Stern
Der muntern Gäste her genug;
Denn's ganze Regiment nimmt hierher seinen Zug!
BETTLY auf einen Stuhl zur Linken sinkend.
Das überleb' ich nimmer mehr!
Wer wird mir Schutz verleih'n vor diesem wilden Heer?
MAX.
Gebt acht, ich fange an,
Das Lied, das ihr kennt,
Das Lied vom Regiment.
MAX sich Bettly nähernd.
Zwar wird man leicht in solchen Stunden
Von schönen Augen überwunden
Trotz allem Muth;
Doch kann man leicht sich dran gewöhnen,
Denn ein Gefangner bei den Schönen
Hat's gar zu gut!
Drum zaudre ich nie, das Leben zu genießen,
Denn Ruhm ist Rauch und muß wie Rauch zerfließen;
Ja, Vivat hoch, drum Mädchen, Wein, Tabak,
So klingt bei uns das Lied stets im Bivouac.
MAX.
O angenehme Kunde!
Schnell – kommt zur Tafelrunde!
Uns soll der frühe Morgenstrahl,
Noch fröhlich treffen beim Pokal.
BETTLY.
Ach, Angst und Schrecken fassen
Mir kalt in's Herz hinein!
Von Jedermann verlassen,
Muß ich des Todes sein!
MAX.
Sie muß vor Angst erblassen,
Wir aber lachen drein,
Wüßt sie, daß wir nur spaßen,
Sie würd' uns gern verzeih'n.
CHOR.
Den Wein nicht stehn zu lassen,
Befiehlt uns der Sergeant,
Solch eine Ordre fassen
Wir immer mit Verstand.
BETTLY allein.
O ich Unglückliche; bis morgen früh wollen sie bei mir bleiben! Gott, mich dünkt, dieser
Tag wird kein Ende nehmen wollen! Zusammenschauernd. Und erst diese Nacht! – Ach, und dann noch gar
vierzehn Tage hindurch das ganze Regiment! Schöne Aussichten das! Ja, wenn ich nur ein Mittel wüßte, diese Leute
mir vom Halse zu bringen! Das Beste wird seyn, ich mache mich selbst aus dem Staube! Aber wohin flüchten? Mein
nächster Nachbar ist Daniel; aber was würden die Leute sagen, wenn ich bey ihm ein Asyl suchte? ... Und noch dazu
auf zwei Wochen lang! Bei ihm, der weder mein Vetter noch Verwandter und außerdem noch unverheirathet ist! ...
Gesetzt auch, ich überließe meine Hütte diesen groben Gästen, wer bürgt mir dafür, daß sie dieselbe nicht in Brand
stecken und ich bei meiner Rükkunft nur noch einen Aschenhaufen finde! Diesen Barbaren ist ja nichts mehr heilig.
Sie sind des Aergsten fähig!
BETTLY.
Wer da? Etwa wieder ein neuer Feind? Ah, Ihr seid's Daniel?
DANIEL.
Ach, liebe Bettly, seid ja nicht böse, daß ich's bin.
BETTLY mit schmeichelndem Tone.
Ich bin Euch deshalb nicht im geringsten böse, Musje Daniel!
DANIEL.
Ich komm auch nicht Euretwegen hierher ... das heißt, ich meine ... nicht um Euch zuwider zu handeln
... sondern ich suche blos Einen vom Militair, der mich hierher bestellt hat ... einen gewissen Sergeanten ... der
ein sehr ehrenwerther Mann ist!
BETTLY.
Ein sehr ehrenwerther Mann?
DANIEL.
Ja wohl, Jungfer Bettly ... Er sowohl als seine Kameraden ... lauter Ehrenmänner! Auch werde ich, von
morgen an, einer der Ihrigen seyn ... ja, ja, ich werde mich ihnen anschließen in gleicher Montur!
BETTLY.
Wo denkt Ihr hin, Daniel? ...
DANIEL.
Mein Entschluß steht fest ... ich habe dem Sergeanten mein Wort darauf gegeben ... ich werde Soldat!
Ihr seht, daß ich mich bereits mit der Hauptsache versehen habe, mit einem Säbel ... und dazu mit einem famosen
Kerl, der schon seit mehr als hundert Jahren hinter unserm Ofen hing und in der weltberühmten Schlacht von Sempach
Wunder vollbracht hat ... Auch die nöthigen Papiere, die mir noch mangelten, hab' ich jetzt beigebracht ... da, in
meinem Bündel stecken sie und ich will sie eben dem Sergeanten bringen ...
BETTLY.
Er sitzt gerade bei Tische mit seinen wilden Genossen, die mir hier das Unterste zu oberst gekehrt
haben.
DANIEL.
Die armen Bursche ... ich hatte sie eingeladen, bei mir Quartier zu nehmen und nach Belieben zu
wirthschaften ... aber leider haben sie Euer Haus vorgezogen ... freilich an ihrer Stelle hätt' ich es eben so
gemacht ...
BETTLY.
Wie so?
DANIEL.
Ei der Tausend! Ich denke an nichts anderes, als nur an das Vergnügen, in Eurer Nähe sein zu können ...
und, weil wir nun einmal davon reden und ich mich doch in die Welt hinauspacken muß, da Er knüpft das
mitgebrachte Bündel, das er auf den Tisch gelegt hat, auf. da habe ich ein Papier, welches ich Euch vor meinem
Scheiden übergeben will, Wühlt in mehreren Papieren herum. halt, nein, daß ist doch das rechte nicht! Das
ist mein Taufschein ... Unglückstag, an dem er ausgestellt wurde! Und was ist denn dies für ein Papier? Es
überlesend. Ach, das ist der unselige Heirathts- Contract, den ich leichtsinniger Weise im Voraus verfassen
ließ und zu dem nichts fehlte, als Eure Unterschrift, die Ihr leider rund weg abgeschlagen habt ... Steckt das
Papier wieder in sein Bündel. Es hat jetzt gute Weile damit Nimmt ein anderes Papier heraus und überreicht
es Bettly. Da, da ist die Schrift, die ich Euch geben wollte.
BETTLY.
Was denn für eine Schrift?
DANIEL.
Mein Testament ... ich bitte Euch, das Papier aufzubewahren.
BETTLY.
Welch ein Gedanke!
DANIEL.
Es ist ein Freundschaftsdienst, den ihr mir damit leistet! und der Euch zu nichts verpflichtet bei
meinen Lebzeiten ... Ihr braucht ja das Testament nicht eher zu öffnen, als bis ich todt bin ... ich werde dafür
sorgen, daß es nicht lange mehr damit ansteht.
BETTLY.
Daniel!
DANIEL.
Der Grund ist schon dazu gelegt – denn so könnt' ichs doch nicht lange mehr mitmachen! Ich falle vor
Schlaf und Müdigkeit fast um ... Seit drei Nächten kein Auge zugethan. Im ganzen Gebirge unaufhörlich hin und her
gerannt ... und noch dazu heute früh der Herzstoß, den mir die Vereitlung unsrer Hochzeit versetzt hat ...
Bettly wendet sich unwillig ab. Nun, nun, ich werde kein Wort mehr davon sprechen ... ich will lieber gleich
fortgehen ... ich sehe wohl, daß ich Euch nur zur Last falle!
BETTLY.
Nicht im Geringsten, aber ... Bei Seite. Er läßt mich wohl gar unter diesen Barbaren allein.
BETTLY.
Warum denn mit dem Abschied eilen
Aus seiner Lieben trautem Kreis?
Könnt Ihr nicht noch ein wenig weilen?
Ob wir uns wiedersehn, – wer weiß?
DANIEL.
Was hör ich? war's nicht Eu'r, Geheiß?
Das eben mich zum Gehen trieb?
Und jetzt, im Augenblick des Scheidens
Haltet Ihr mich wieder hier zurück!
BETTLY.
Weil ich mit Schmerzen es nur sähe,
Wie Euch das Scheiden wird so schwer.
DANIEL.
>Nein, nein ich fühl's, daß Eure Nähe
Erhöht mein Leiden immer mehr.
Weil grausam Ihr doch später mich
Verbannt, so gehe ich ....
BETTLY zärtlich.
Daniel!
BETTLY.
Nur noch ein wenig
Verweilet hier!
Die letze Bitte
Sei es von mir,
DANIEL freudig.
Wie gern, wie gerne
Bleib ich noch hier!
Die Liebste wünscht es
Ja selbst von mir,
Ihr Zauberton
Hält mich im Bann,
Daß nie davon
Ich scheiden kann!
BETTLY.
So bleibt Ihr hier! Wie bin ich froh!
DANIEL.
Ich möchte wohl! doch paßt es sich nicht!
BETTLY.
Wie so?
DANIEL.
Ihr werdet mir's auch nicht erlauben;
Denn seht die Sonne geht zur Ruh!
Und bringe ich die Nacht hier zu,
So könnte dieß gar leicht, wie selber Ihr
Gesagt, den guten Ruf Euch rauben.
BETTLY verlegen und die Augen niederschlagend.
S'ist war.
DANIEL.
Ihr seht nun wohl, es geht nicht an.
BETTLY schaudernd bei Seite.
Ach, ohne Schutz bleib ich alsdann.
DANIEL an der Thüre.
Lebt wohl!
BETTLY ihn zurückhaltend.
Mein Freund!
BETTLY.
Nur noch ein wenig
Verweilet hier,
Die letzte Bitte
Sei dies von mir.
Die Angst durchzittert
Mir Mark und Bein!
O laßt nur jetzt nicht
Mich hier allein!
DANIEL rasch zurückkehrend.
Wie gern, wie gerne
Bleib ich noch hier,
Die Liebste wünscht es
Ja selbst von mir!
Ihr Zauberton
Hält mich im Bann,
Daß nie davon
Ich scheiden kaun!
BETTLY mit schüchternem Lächeln.
Vielleicht doch könntet Ihr ... so daß kein Mensch es ahnet,
In jener Kammer unbemerkt die Nacht
Dennoch verbringen ....
DANIEL.
O Gott! recht gern, ist es auch wahr?
Ihr wollt es so?
BETTLY.
Ganz sicher!
DANIEL.
Kaum faß' ich mich vor Lust!
BETTLY.
Und wenn ich Hülf' bedarf, so ruf' ich Euch herbei!
DANIEL wie vorhin.
Welch Glück!
BETTLY bleibt einen Augenblick allein.
Nur seine Gegenwart allein verleiht mir Leben!
BETTLY stürzt voll Entsetzen nach der Thüre zur Rechten und ruft.
Daniel! Daniel!
DANIEL rasch ihr entgegen.
Nun, was gibts Bettly?
BETTLY.
Kommt zu mir, um Gotteswillen
Bleibet hier, viel besser ist es doch!
DANIEL voll Entzücken.
Ach, wär es möglich?
BETTLY.
Sonst hab' ich keine Ruh!
Dort setzt Euch auf den Stuhl! Schlaft wohl!
DANIEL.
Schlaft wohl!
BETTLY.
Ihr bleibt bei mir?
DANIEL.
Wo wär ich lieber wohl als hier?
DANIEL im Armstuhle links.
Ach, mit unverhofftem Strahle
Lachen heut zum Erstenmale
Mich der Freude Sterne an;
Doch sieht nur mein Traum sie lachen,
O so laß' mich nicht erwachen
Von dem süßen Wahn! ....
BETTLY zunächst der Thüre auf der rechten Seite.
Ach, die Angst sie lähmt die Glieder;
Doch es kehrt der Muth mir wieder,
Bleibt die Nacht er bei mir als Wacht.
Hör', o Gott, doch auf mein Flehen,
Laß mich glücklich überstehen
Diese bange Nacht!
DANIEL dem die Augen zufallen.
Für mich welche Lust! Welches Glück! ...
Ich kann kaum des Schlafs mich erwehren.
BETTLY.
Sprecht mit mir, gern möcht' ich es hören.
DANIEL vom Schlaf überwältigt, wie oben.
Wie muß ich segnen mein Geschick!
BETTLY lauschend.
Was sagt er?
BETTLY.
Ach, die Angst, sie lähmt die Glieder;
Doch es kehrt der Muth mir wieder
Bleibt die Nacht er bei mir als Wacht.
Hör', o Gott, doch auf mein Flehen,
Laß mich glücklich überstehen
Diese bange Nacht!
DANIEL allmählig einschlummernd.
Ach, mit unverhofftem Strahle
Lache heut zum Erstenmale
Mich der Freude Sterne an!
Doch, sieht nur mein Traum sie lachen,
O, so laß' mich nicht erwachen
Von dem süßen Wahn! ...
MAX bei Seite, Daniel gewahrend. Ah, sieh da, der junge Pächter! – Sie hat ihn geheißen, hier zu bleiben! Schön! Schön!
BETTLY erschrocken auffahrend.
Hilf Himmel! Der Sergeant!
MAX.
Ich selbst in eigner Person, mein schönes Kind! Sich ein wenig betrunken stellend. Vivat die Liebe!
Vivat der Wein! Was meint Ihr! Ich bin in deutschem Dienste gestanden ... ja, ja, die Deutschen sind liebe gute
Leute .. so lange sie festliche Mahlzeiten halten können .. Auch Eure Mahlzeit war sehr liebenswürdig ... und ich
denke, die Liebenswürdigkeit der Wirthin wird ihrer Tafel nicht nachstehen!
BETTLY bei Seite.
O Gott .... will denn Daniel nicht erwacheu?
MAX.
Ihr werdet es daher ganz natürlich finden, meine schöne Wirthin, daß ich nach einem süßen Küßchen
schmachte ....
BETTLY.
Nein, diese Frechheit! ...
MAX.
Pure Dankbarkeit! .... Weiter nichts als eine kleine militärische Galanterie, die sehr unschuldiger Natur
ist und Niemanden beleidigen kann ... ich will ihn selbst um diese Vergünstigung bitten.
BETTLY spitzig.
Er ist nicht mein Mann.
MAX.
Bitt' um Entschuldigung! .... Da er an Deiner Seite schlief ... so mußte ich mir natürlich vorstellen ...
BETTLY mit einer gewissen stolzen Würde.
Da seyd Ihr im Irrthum! Ich habe keinen Mann!
MAX munter.
Du bist nicht verheirathet? Ei, um so besser ... da haben wir ja gar nichts zu fürchten ...
also, weil Du ganz unabhängig und Selbstherrscherin bist, so ...
BETTLY erschrocken.
Herr Soldat ...
MAX sie verfolgend.
Vivat die Liebe, Vivat die Freude!
BETTLY.
Zu Hülfe! Zu Hülfe!
MAX umarmt sie, grade im Augenblick als Daniel erwacht.
Hier hilft kein Sträuben mehr!
DANIEL auffahrend.
Was muß ich seh'n!
MAX noch immer die ihn abwehrende Bettly fest haltend.
Den Triumph der Liebe!
DANIEL.
Welch' ein Erwachen aus einem so schönen Traum ... Stürzt sich zwischen Max und Bettly und reißt sie
aus einander. Wird das bald ein Ende nehmen?
MAX mit verstelltem Zorne.
Was mischest Du Dich in Sachen, die Dich nichts angehen?
DANIEL.
Die mich nichts angehen? Eure Manieren gefallen mir ganz und gar nicht, Herr Sergeant! .., Verstanden.
MAX wie oben und sich noch mehr berauscht stellend.
Und aus welchem Grunde? Ist das Mädchen etwa Deine Schwester?
DANIEL.
Das gerade nicht!
MAX.
Deine Frau vielleicht?
DANIEL.
Leider nein!
MAX.
Deine Nichte, dein Bäschen, Deine Großmutter?
DANIEL.
Nichts von Allen dem! ... Aber dessenungeachtet ...
MAX hochmüthig.
Was denn, dessen ungeachtet? Tausend Donnerwetter! An mir ist es also, Mißfallen zu
äußern ... und da Du weder ein natürliches noch ein gesetzmäßiges Recht besitzest, mich hier zu langweilen, so
thue mir den Gefallen und packe dich auf der Stelle fort!
BETTLY.
Gerechter Himmel!
MAX.
Ich befehl' es Dir!
DANIEL.
Das gilt mir gleich ... Ich bleibe hier!
MAX mit drohender Gebärde.
Wie, Gelbschnabel, Du unterstehst Dich?
DANIEL zitternd und sich zu Bettly flüchtend.
Ja, ja! ich bleibe hier ... Ich habe das Recht dazu! ...
Jungfer Bettly hat es mich selbst geheißen! ... Ist's nicht so, Jungfer Bettly? ... Nicht wahr, Ihr habt mich
selbst darum gebeten?
BETTLY zitternd.
Allerdings. Ich will es haben! Daniels Arm ergreifend. Daniel, ich bestehe
darauf, daß Ihr mich nicht verlaßt!
DANIEL.
Da hört Ihr's aus ihrem eigenen Munde! Ihr habt hier nichts, weiter zu schaffen! Mit einem Blick auf
Max, der mit übergeschlagenen Armen ihn von Kopf bis zu Fuße mißt. Nun, was verweilt Ihr noch länger? ... Sagt
ihm doch, Bettly ... sagt ihm doch, er solle sich scheeren!
MAX.
Ich mich fortscheeren? Hagel und Kartätschen, da kennt Ihr mich schlecht! Ich weiche nicht von der Stelle.
Ja, ja, endlich gehen mir die Augen auf ... Du bist ihr Liebhaber!
DANIEL.
O, was das betrifft ... nun ja, das bin ich!
MAX.
Ich bin ebenfalls in sie verliebt.
DANIEL.
Wär's möglich!
MAX ihm drohend.
Du wirst allen Ansprüchen auf sie entsagen!
DANIEL ihm gleichfalls drohend.
Nimmermehr!
MAX wie oben.
Du willst nicht?
BETTLY.
Herr Sergeant! Bei allen Heiligen, beschwör ich ...
MAX kalt.
Das geht Dich nichts an! schönes Kind! ... Das ist eine Sache unter uns Beiden, eine
freundschaftliche Auseinandersetzung, wobei das schöne Geschlecht kein Wörtchen zu sprechen hat ... Ihr versteht
mich doch? ... Geht Euren Haushaltungsgeschäften nach, .. unsere Angelegenheit erfordert Eure Entfernung! Dann
werden wir bald mit einander fertig werden, unser Geschäft ist bald abgethan. Mit rauhem Tone und Bettly nach
der Thüre zur Rechten hindeutend. Habt ihr mich verstanden?
DANIEL.
Ja, Jungfer Bettly! ... Zieht Euch auf einen Augenblick zurück!
BETTLY bei Seite auf die bezeichnete Thüre deutend.
Gut ... doch werd ich mich nicht weit entfernen!
Leise zu Daniel. Musje Daniel.
DANIEL ebenso.
Jungfer Bettly.
BETTLY halblaut.
Gott im Himmel, mir ist so bang!
DANIEL ebenso.
Ach, wenn Ihr wüßtet, wie mir zu Muthe ist?
MAX.
Du wirst mir Bettly überlassen,
Ihr Herz gebührt mir ganz allein!
DANIEL.
Verzweiflung würde mich erfassen
Und mir der Tod erwünschter sein!
MAX.
So soll das Schwert denn hier entscheiden,
Wenn's nicht Dein freier Wille thut.
DANIEL erschrocken.
Großer Gott!
MAX kalt.
Von uns muß Einer
Verströmen hier sein Herzensblut!
DANIEL zitternd.
Großer Gott! .. sie verlieren .. ist schlimmer, als sterben
MAX.
Nun denn?
DANIEL noch immer zitternd, doch mit etwas mehr Entschlossenheit.
Wohlan, es sey!
MAX seine Hand ergreifend.
So schlage ein!
DANIEL.
Das ist wohl möglich!
MAX.
Wirst leichenblaß!
DANIEL.
Ich leugn' es nicht.
DANIEL bei Seite.
Mich überläuft es kalt wie Eis dabei,
Doch es ist einerlei! S'ist einerlei!
Ich trotze keck, dem Todesschreck,
Der mich beschlich
Und schlage mich!
MAX lächelnd.
Wie muthig stellt er sich dabei,
Und zittert doch s'ist einerlei!
Er mag denn wollen oder nicht,
Er schlägt sich doch, s'ist seine Pflicht.
Das Schwert nimm denn zur Hand;
Du willst doch?
DANIEL die Augen zumachend.
Ja ich will!
MAX.
Ei wie tapfer!
DANIEL.
Die Liebe gibt mir Stärke!
MAX.
Und dennoch bebt dein Arm vor Schrecken!
DANIEL.
Das darf Euren Tadel nicht erwecken;
In's Feld zu ziehen ist nicht meine Pflicht,
Denn ich bin nicht, wie Ihr Soldat!
DANIEL.
Mich überläuft es kalt wie Eis dabei;
Doch es ist einerlei, s'ist einerlei!
Ich trotze keck dem Todesschreck,
Der mich beschlich und schlage mich!
MAX.
Wie muthig stellt er sich dabei!
Und zittert doch, s'ist einerlei!
Er mag denn wollen oder nicht,
Er schlägt sich doch s'ist seine Pflicht.
MAX bei Seite.
Sie naht, jetzt soll sie alles hören:
MAX.
Dort in dem Fichtenwald, der mit den dunklen Zweigen
Ein schattenreiches Dach wölbt über's Thal hinaus,
Dort läßt sich unbelauscht und fern von fremden Zeugen,
Leicht enden unser Streit, doch bleibe ja nicht aus!
DANIEL die Augen zum Himmel erhebend.
O mein Gott, schenk mir Muth und laß' den Kummer schweigen,
Laß ihn schweigen nur für jetzt um das verlorne Glück.
MAX allegro.
Wenn drunten in dem Dorf die Abendglock erschallt,
Dann erwart' ich dich.
DANIEL.
Ich fehle nicht.
MAX.
Ganz gewiß, fehle nicht.
DANIEL seinen Muth zusammenraffend.
Sicherlich.
DANIEL.
Nach Ruhm und Liebe will ich streben
Und meine Brust von Furcht befrei'n,
Der Ehre Ruf soll mich erheben,
Fortan mir Muth und Kraft verleih'n.
MAX.
Nach Ruhm und Liebe kühn zu ringen,
Sei jetzt Dein Streben, Deine Lust,
Dadurch allein wird Dir's gelingen,
Die Furcht zu bannen aus der Brust.
BEIDE.
Die Liebe ruft uns Beide
Zum ehrenvollen Streit;
Für seine Liebe kämpfen
Ist hohe Seligkeit!
MAX.
Beschlossen ist's.
DANIEL.
Es bleibt dabei.
MAX.
Es gilt ja Ruhm!
DANIEL.
Und Liebesglück!
MAX.
Du kömmst sobald die Glock erschallt.
DANIEL.
Sobald die Glock erschallt!
MAX.
Im Fichtenwald.
DANIEL mit Entschlossenheit.
Komm' ich zum Fichtenwald!
DANIEL UND MAX.
Die Liebe ruft uns Beide
Zum ehrenvollen Streit;
Für seine Liebe kämpfen
Ist hohe Seeligkeit.
BETTLY bei Seite.
Kaum kann ich mich noch auf den Füßen halten! ... Der arme Junge! Einen zärtlichen
Blick auf Daniel werfend. Trotz seiner Angst sich doch schlagen zu wollen! ..... Es steckt doch viel Muth in
ihm! Laut. Daniel!
DANIEL aus seinen Betrachtungen auffahrend.
Ah, Ihr seid's, Jungfer Bettly!
BETTLY.
Nun, wie stehen die Sachen?
DANIEL mit erzwungener Munterkeit.
Ei, recht gut! ... Er hat endlich Vernunft angenommen und sich entfernt, wie Ihr seht! .. Nun seid Ihr ihn los! ... Und jetzt, da ihr meiner nicht mehr bedürft, will ich mich
ebenfalls fortmachen!
BETTLY.
Wohin denn?
DANIEL.
Ich will nur erst mein Bündel, meinen Säbel und die Papiere holen, die ich dort in der Kammer gelassen
habe!
BETTLY ihn zurückhaltend.
Daniel!
DANIEL.
Ich darf nicht länger weilen ... Ich bin ja Soldat! ... Mein Sergeant wartet auf mich ... Wir haben
noch einen Marsch mit einander vor .. der vielleicht sehr weit gehen wird .. und im Fall ich nicht wieder davon
zurückkehre, Jungfer Bettly ... so müßt Ihr Euch das nicht zu Herzen nehmen .. Ihr könnt euch dann zu Eurem Troste
sagen, daß ich mich so glücklicher befinde, als früher! Sie anblickend. Ich glaube gar, Ihr weint?
BETTLY. Ach, ich vermag nicht zu sagen, welch ein banges Gefühl sich meiner bemeistert hat ... mein Herz will zerspringen vor Angst ... vor Reue!
DANIEL.
Vor Reue? Wär es möglich! ... Ach! wenn Ihr Bedauern für mich fühltet ... das wäre mehr Glück, als ich
jemals zu hoffen gewagt hätte! ... Jetzt werde ich viel ruhiger in die Ferne ziehen!
BETTLY bei Seite die Hände faltend.
O Gott, wie soll ich es nur anstellen, daß er hier bleibt?
DANIEL.
BETTLY bei Seite.
O hielt es ihn noch länger fest!
Fürwahr ich muß von seinem Plan ihn lenken.
DANIEL.
BETTLY bei Seite.
Er ging sonst fort, drum sei's, ich muß –
DANIEL.
O wonnevolles, süßes Angedenken.
MAX.
Ei, ei, Freund, was zum Teufel treibst Du noch da für Kurzweile? Die Abendglocke hat schon lang geläutet
...
DANIEL.
Meint Ihr?
MAX auf den Säbel zeigend, den er unter dem Arme hält.
Mein Kamerad hier will Dich darauf aufmerksam
machen ... wir warten nur noch auf Euch! ... Verstanden?
DANIEL.
Ja, ja, Sergeant! Ich will nur noch das Nöthige zum Abmarsch holen .. Ach, wenn Ihr mir nur noch eine
längere Frist gelassen hättet! ... Bei Seite. sich nach einem so seeligen Augenblicke umbringen zu lassen,
das ist doch gewiß sehr hart!
BETTLY welche Daniel mit den Blicken gefolgt ist, eilt in den Vordergrund der Bühne auf Max zu.
Ich weiß Alles ... ich kenne Eure Absicht und werde sie nun und nimmermehr zur Ausführung kommen lassen!
MAX.
Was soll das heißen?
BETTLY.
Ihr wollt Euch mit Daniel schlagen ... Ihr wollt ihn aus dem Wege räumen, nein, nein .. Ihr sollt ihn
nicht umbringen .. einen so wackeren jungen Mann! Dessen Leben so kostbar ist!
MAX.
So kostbar. Warum?
BETTLY.
Seinen Freunden und seiner Familie!
MAX.
Pah! Ihn knüpfen keine Bande an die Welt! ... Er ist ledig, wie ich! Wer kümmert sich um solche
Jungesellen? Ja, wenn er eine Frau hätte, das wäre was anders! Ein verheiratheter Mann ist ein nützliches Mitglied
der menschlichen Gesellschaft ... er hat für Mehrere zu sorgen ... Sein Weib, seine Kinder, können ihn nicht
entbehren ...
BETTLY lebhaft.
Ei nun, Herr Sergeant, wenn es nur auf's Verheirathet sein ankommt ... ich kann's Euch beschwören, daß er es bereits ist.
MAX.
Wie! Was?
BETTLY.
Ja, ja, ganz gewiß!
DANIEL seinen großen Säbel auf der Schulter tragend.
Nur Muth und Kraft, o Gott verleihe
Jetzt meinem Arm, damit als Mann
MAX.
Halt ein, laß alles uns vergeben
Und schlichten wir den früheren Streit;
Denn eines Ehegatten Leben
Ist heilig mir zu jeder Zeit!
DANIEL erstaunt.
Sergeant! Was sagt Ihr: ich, ein Mann?
BETTLY leise zu Daniel.
So sagt doch ja, wenn ichs befehl!
DANIEL rasch.
Ja, ja, so ist's, vergessen hätt ich's bald!
MAX beide mit mißtrauischem Blicke ansehend.
Warum hast Du mir denn die Wahrheit nicht gestanden?
BETTLY rasch.
Mehr als ein Grund zwang ihn dazu ....
Man hat Rücksichten oft auf Verwandte auch zu nehmen.
MAX.
Wohl möglich ist's; aber seine Frau,
Wer ist sie?
BETTLY verlegen.
Seine Frau?
MAX barsch.
Er muß doch eine haben;
Ich möchte sie wohl sehn.
DANIEL.
Und warum?
MAX.
Weil ich es will!
DANIEL verlegen.
Meine Frau?
MAX.
Ja, Deine Frau!
BETTLY vor Max hintretend.
Seht her, ich bin seine Frau.
DANIEL.
Meine Frau? O Gott!
BETTLY leise zu Daniel.
Seid still und sagt wie ich!
Denn um das Leben Euch zu retten,
Nenn ich Euch hier als meinen Mann.
Doch merkt Euch's wohl, ganz sicherlich,
Ist's nur zum Scherz, versteht Ihr mich.
Ja nur zum Scherz, versteht Ihr mich!
DANIEL bei Seite traurig.
Allein nur um mich zu retten, war's, daß sie
Den süßen Namen mir verlieh;
Doch nur ein Scherz soll Alles sein,
Ich bin ihr Gatte nur zum Schein
Und wirklich ist sie doch nicht mein!
MAX bei Seite.
Wahrhaftig, ihre Sprödigkeit
Liegt immer noch mit uns im Streit!
Doch ist ihr Herz ja nicht von Stein,
Freund Daniel muß, und nicht zum Schein,
Nein, ganz im Ernst, ihr Gatte sein.
MAX beide grüßend.
Als Mann und Frau kann man Euch gratuliren!
DANIEL zu Bettly.
Antwortet ihm!
MAX.
Wie, was sagt Ihr da!
Wenn man zum Gatten spricht, so meine ich,
Daß dann das Du viel besser klingt!
DANIEL verlegen.
Wie, Du soll ich sagen?
BETTLY halblaut ihn aufmunternd.
Ja, nur zu!
DANIEL.
Wenn Du es willst ...
BETTLY.
Warum nicht?
DANIEL.
Du bist's, die es will.
O süßes, seliges Entzücken.
MAX.
Doch hat man einmal sich vermählet,
Küßt man sich auch recht inniglich.
DANIEL sich scheu zurückziehend.
Nein, nein, das ist zu viel für mich.
MAX mit verstelltem Zorne nach dem Säbel greifend.
Was hör ich da! Ihr wagtet wohl,
Mich zum Besten zu halten?
BETTLY rasch.
Nein gewiß!
Da seht, daß ich es ernstlich mein!
DANIEL traurig.
Allein nur um mich zu retten, war's, daß sie
Den süßen Namen mir verlieh.
Doch nur ein Scherz soll Alles sein,
Ich bin ihr Gatte nur zum Schein!
Und wirklich ist sie doch nicht mein.
MAX bei Seite.
Wahrhaftig, ihre Sprödigkeit
Geht mir am Ende doch zu weit!
Doch trotz ich ihrem Wiederstand,
Sie muß ihm reichen ihre Hand.
BETTLY.
Und jetzt, so hoff ich, sind für immer,
Die Zweifel all bei Euch verbannt.
MAX.
Nicht ganz. Ich brauch noch mehr Beweise.
DANIEL UND BETTLY erschrocken.
O Gott!
MAX.
Die Schriften all, die Ihr besitzt und den Contract
Zeigt her ... wo habt Ihr sie?
DANIEL auf die Thüre zur Rechten zeigend.
Die Schriften, die Ihr meint,
Sind alle hier.
MAX.
Ich will sie sehn!
DANIEL ihr nachblickend.
O Gott, nun ists um mich geschehn.
MAX.
Ich will mich gänzlich überzeugen!
DANIEL.
Wie wird er enden, dieser Unglückstag;
Denn im Contract fehlt Bettlys Unterschrift!
MAX so laut rufend, daß es Bettly in der Nebenkammer verstehen muß.
Weh Euch, zumal, wenn Ihr mich hintergangen!
DANIEL bei Seite.
Wenn er wird meine List entdecken!
MAX die Unterschrift lesend.
Ganz gut, hier steht Daniel und hier zugleich Bettly.
DANIEL voll Entzücken.
Ists war?
BETTLY die neben ihm steht, hält ihm den Mund mit der Hand zu.
Eine List, gar nichts weiter!
Der Contrakt gilt noch nichts; so lang die Unterschrift
Des Bruders fehlt ....
MAX der während dieser Worte den Contract auf einem der Seitentische unterzeichnet hat.
Du irrst!
DANIEL lesend.
Was seh ich: »Max, Sergeant!«
BETTLY.
O Gott!
MAX sie in seine Arme schließend.
Der bin ich! Ja, Ja!
DANIEL.
Ihr Bruder!
MAX.
Dein Bruder!
BETTLY.
Mein Bruder!
MAX.
Verzeiht mir diese List!
Denn es geschah zu Eurem Glück!
DANIEL UND BETTLY.
Freudig wir ihm die Täuschung vergeben,
Die uns gefüget Hand in Hand!
Theurer Bruder, fest soll uns umweben,
Fortan ein traulich Liebesband.
MAX.
Gottlob, daß mir die List gelungen,
Nun will ich theilen Euer Glück!
Die Trommel sei denn für mich jetzt verklungen,
Nichts ruft mich mehr von Euch zurück!
ALLE.
Uns soll denn fest umweben,
Fortan ein traulich Liebesband.
DANIEL ihnen entgegen eilend.
Ihr Freunde, kommt alle zum Feste,
Seit heute meine Gäste!
Ich bin ihr Gatte und lad' Euch ein!
ALLE.
Was will er damit sagen?
DANIEL.
Ihr habt geglaubt, mich auszulache
Nun lach' ich über Euch, ha, ha, ha,
MAX zu seinen Soldaten.
Jetzt lustig meine Jungen,
Die Gläser hoch geschwungen,
Und stimmet im Verein
In's fröhliche Lied mit ein!
Ja, Vivat hoch, drum Mädchen Wein, und Tanz
Sie sind für uns des Sieges Lohn und Glanz.
CHOR.
Ja, Vivat hoch drum Mädchen, Wein und Tanz
Sie sind für uns des Siegeslohn und Glanz.