Griechische Denker
Eine Geschichte
der antiken Philosophie
von
Theodor Gomperz

Erster Band
Vierte Auflage
Ausgabe letzter Hand besorgt von H. Gomperz
Berlin und Leipzig 1922
Vereinigung Wissenschaftlicher Verleger
Walter de Gruyter & Co. / vormals G. J. Göschensche
Verlagshandlung / J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung
Georg Reimer / Karl J. Trübner / Veit & Comp.

Dem Andenken meiner Mutter
(19/12 1792-30/4 1881)
widme ich diesen Band

Inhalt

1. Buch: Die Anfänge.

Einleitung 3-36

I Die altjonischen Naturphilosophen 37-66

II Orphische Weltbildungslehren 67-82

III Pythagoras und seine Jünger 82-93

IV Die Fortbildung der pythagor. Lehren93-102

V Der orphisch-pythagor. Seelenglaube102-126


2. Buch: Von d. Metaphysik z. positiven Wissensch.

I Xenophanes 129-136

II Parmenides 137-152

III Die Jünger des Parmenides 152-172

IV Anaxagoras 172-187

V Empedokles 187-210

VI Die Geschichtsschreiber 210-224


3. Buch: Das Zeitalter der Aufklärung.

I Die Ärzte 227-261

II Die atomistischen Physiker 261-307

III Die Ausläufer der Naturphilosophie307-315

IV Die Anfänge der Geisteswiss.316-342

V Die Sophisten 342-363

VI Protagoras von Abdera 363-392

VII Gorgias von Leontini 393-408

VIII Der Aufschwung der Geschichtswiss.408-425


Anmerkungen 426-499


Vorwort zur ersten Auflage.

Der Verfasser unternimmt es, ein neues Gesamt-Gemälde des Wissensgebietes zu entwerfen, dessen Stoff zu mehren und dessen Probleme zu sichten er im Laufe mehrerer Jahrzehnte angelegentlich bestrebt war. Das auf drei Bände veranschlagte Werk, in welchem der Verfasser aus seiner Lebensarbeit die Summe zieht, soll den weiten Kreisen der Gebildeten zugänglich sein. Der Standpunkt, den er einnimmt, ist nicht der irgendeiner einseitigen und ausschließlichen Schule. Er bemüht sich, den verschiedenen antiken Denkrichtungen, von denen jede ihr Teil zu dem Gesamtbau der modernen Geistesbildung beigesteuert hat, gleichmäßig gerecht zu werden, sie allesamt unbefangen zu betrachten und billig zu beurteilen. Die Darstellung soll sich von einem nicht allzu dürftigen kulturhistorischen Hintergrund abheben und ein subjektives Gepräge nur insoweit tragen, als die Hervorhebung des Wesentlichen eine möglichst scharfe, die Scheidung des Bleibenden und Bedeutsamen von dem Gleichgültigen und Vergänglichen eine möglichst durchgreifende sein soll. Aus der Geschichte der Religion, der Literatur und der Einzelwissenschaften werden dem Werke solche Ausschnitte einverleibt werden, die für das Verständnis der spekulativen Bewegung, ihrer Ursachen und Wirkungen unentbehrlich sind. Die Grenzlinien, welche diese Gebiete trennen, erscheinen dem Verfasser durchweg als fließende. Das Ideal, das ihm vor Augen steht, ließe sich nur in einer erschöpfenden Gesamtgeschichte des antiken Geisteslebens vollständig verwirklichen. Der gelungenen Ausführung solch eines gewaltigen Unternehmens gegenüber wird der gegenwärtige, ungleich bescheidenere Versuch gern als überholt und veraltet gelten.

Der zweite Band soll gleich dem vorliegenden ersten aus drei Büchern bestehen, deren Aufschriften lauten werden: "Sokrates und die Sokratiker", "Platon und die Akademie", "Aristoteles und seine Nachfolger". Der Schlußband soll über die "ältere Stoa", über den "Garten Epikurs" und über "Mystik, Skepsis und Synkretismus" handeln.

Um den Umfang des Werkes nicht allzusehr anzuschwellen, mußten Quellen-Belege die knappste Gestalt annehmen und mußte mit Hinweisen auf die neuere Literatur überall gekargt werden, außer dort, wo die Darstellung des Verfassers am meisten, und dort, wo sie am wenigsten originell ist, wo ihm mithin die Verpflichtung erwächst, seine enge Abhängigkeit von Vorgängern zu bekennen oder seine tiefgreifende Abweichung von herkömmlichen Auffassungen zu begründen.

Schließlich mag es zur Entschuldigung, nicht nur zur Beschönigung der Mängel dieses Werkes seinem Verfasser erlaubt sein, sich ein Wort anzueignen, das einst Gustave Flaubert an George Sand geschrieben hat: "Je fais tout ce que je peux continuellement pour élargir ma cerveile et je travaille dans la sincérité de mon coeur; le reste ne dépend pas de moi."

Wien, im September 1895.


Vorwort zur zweiten Auflage.

Die zweite Auflage unterscheidet sich nicht gar erheblich von der ersten. Einige kleinere Irrtümer werden berichtigt, ein paar Aufstellungen, die sich als unhaltbar erwiesen haben, sind getilgt und den Anmerkungen nicht allzu wenige Zusätze einverleibt worden. Diese beziehen sich zum größten Teil auf neu zutage gekommenes Quellenmaterial, wie denn der Fragmenten-Bestand des Heraklit, des Pherekydes und Demokrit durch einige, zum Teil sehr wichtige Funde der jüngsten Zeit bereichert worden ist. Inwieweit das in der Vorrede der ersten Auflage enthaltene Programm in der Ausführung modifiziert worden ist, ersieht der Leser aus dem Vorwort des zweiten Bandes.

Wien, im Juli 1902.


Vorwort zur dritten Auflage.

Das Verhältnis dieser Auflage des ersten Bandes zu ihrer Vorgängerin ist demjenigen nicht unähnlich, das zwischen dieser und der ersten Auflage bestanden hat. Ein Unterschied ist jedoch vorhanden. Der Berichtigungen und Verbesserungen gibt es diesmal wohl mehr als früher; zu Zusätzen hingegen, die einer Bereicherung des Quellenmaterials ihren Ursprung verdanken, hat die gelehrte Arbeit der letzten Jahre so gut als keinen Anlaß geboten. Polemische Erörterungen hat der Verfasser trotz mancher Verlockungen nach Tunlichkeit gemieden.

Wien, im Herbst 1910.

Th. Gomperz.


Vorwort zur vierten Auflage.

Am 29. August 1912 starb Theodor Gomperz und sein letzter Wille übertrug mir Sorge und Verantwortung für seine schriftstellerische Hinterlassenschaft.

Bei der nunmehr nötig gewordenen neuen Ausgabe der "Griechischen Denker" hoffe ich die oft geäußerten Wünsche meines Vaters am besten zu erfüllen, wenn ich nur solche Änderungen vornehme, von denen ich sicher zu sein glaube, daß er selbst ihnen zugestimmt hätte.

Daher habe ich an dem Text des Werkes vor allem jene Änderungen vorgenommen, die mein Vater selbst in sein Handexemplar eingetragen hatte. Ferner wurden einige offenkundige Versehen berichtigt, ein paar dem Mißverständnis ausgesetzte Stellen verdeutlicht, hier und da sprachliche Unebenheiten geglättet. Auch wurden einige wenige Bemerkungen gestrichen, für die es in der Überlieferung des Altertums an jedem Beleg zu fehlen schien.

Nach denselben Grundsätzen verfuhr ich bei der Bearbeitung der Anmerkungen. Namentlich die umfangreiche Erweiterung der Anmerkung 1 zu S. 325 sowie die der Anmerkung 1 zu S. 243, welche Roschers Ansicht vom Alter der Hippokratischen Schrift von der Siebenzahl ablehnt, rühren noch vom Verfasser selbst her. Darüber hinaus aber trachtete ich, die Anmerkungen dem Gebrauch dadurch handlicher anzupassen, daß ich die Belege zu den Angaben des Textes auch dort anführte, wo der Verfasser dies unterlassen hatte. Die Verweise auf die alten Schriftsteller wurden insgesamt überprüft und, wo es notwendig schien, nach den neuesten erreichbaren Ausgaben richtiggestellt. Insbesondere wurde für alle Stellen, die in Diels' "Fragmenten der Vorsokratiker" verarbeitet sind, auch auf dieses wichtige Handbuch verwiesen. Auf die Anführungen aus neueren Schriftstellern wurde ein ähnliches Verfahren angewandt, freilich nur, soweit dadurch nicht die Aufwendung übermäßiger Zeit und Mühe erfordert worden wäre. Diese meine Zusätze zu den Anmerkungen wurden durch Einschließung in eckige Klammern kenntlich gemacht.

Neuere Veröffentlichungen über die in diesem Bande behandelten Denker, die mein Vater nicht genannt hatte oder die erst nach seinem Tod erschienen sind, habe ich mit Bedacht nicht nachgetragen, auch wo sie so bedeutsam Neues brachten, wie das von Diels in den Berl. Sitzungsberichten 1916, 931 ff. besprochene neue Bruchstück aus Antiphons Buch über die Wahrheit oder Karl Reinhardts neue Deutung der parmenideischen "Scheinlehre" ("Parmenides und die Geschichte der griechischen Philosophie", Bonn 1916): wie Th. Gomperz über diese Dinge gedacht hätte, getraue ich mir nicht zu erraten; wer aber die neuen Veröffentlichungen bloß überblicken oder sich über deren Inhalt kurz unterrichten will, wird doch zu den bewährten Handbüchern von Ueberweg-Praechter und Zeller-Nestle greifen müssen.

Die von meinem Vater gewählte Umschreibung der griechischen Namen habe ich beibehalten, da er sich mit Bedacht für sie entschieden hatte; auch das scheinbar Folgewidrige dürfte dabei einer Absicht entsprungen sein. Aus ähnlichen Gründen habe ich auch die Unterscheidungszeichen aus den früheren Auflagen möglichst unverändert herübergenommen.

Endlich ergreife ich diese Gelegenheit, den Fachgenossen die unwillkommene Mitteilung zu machen, daß von Th. Gomperz' "Auswahl philologischer und philosophiegeschichtlicher kleiner Schriften Hellenika", Band III (bearbeitet von mir) und Band IV (bearbeitet von Christian Jensen) zwar seit Jahren durckfertig vorliegen, daß jedoch ihre Veröffentlichung unter den gegenwärtigen Umständen nicht in Aussicht gestellt werden kann.

Wien, 8. September 1921.

H. G o m p e r z.


Erstes Buch.

Die Anfänge.

To one small people it was given to create the principle of Progress. That people was the Greek. Except the blind forces of Nature, nothing moves in this world which is not Greek in its origin.

Sir Henry Sumner Maine.

Einleitung.

Die Anfänge deckt das Dunkel ihrer Kleinheit oder ihrer Unscheinbarkeit. Sie entziehen sich der Wahrnehmung, oder sie entschwinden der Beachtung. Auch zu geschichtlichen Ursprüngen kann man nur schritt- und stufenweise emporsteigen, gleichwie man einen Stromlauf zu seiner Quelle zurückverfolgt, die im Waldesschatten sprudelt. Diese Stufen oder Schritte heißen Schlüsse. Sie sind von zweifacher Art, je nachdem sie von Wirkungen oder von Ursachen ihren Ausgang nehmen. Die ersteren, Rückschlüsse im eigentlichen Sinne, suchen aus dem Dasein und der Artung von Wirkungen das Dasein und die Artung von Ursachen zu ermitteln. Sie sind unentbehrlich, aber vielfach trüglich. Denn während jede Ursache für sich genommen stets dieselbe Wirkung hervorbringt, so gilt doch keineswegs die umgekehrte Behauptung. Nicht jede Wirkung wird jedesmal von derselben Ursache erzeugt; die Erscheinung, welche man "Vielzahl der Ursachen" genannt hat, spielt im Natur- wie im Geistesleben eine weitreichende Rolle. Höhere Sicherheit gewährt das entgegengesetzte Verfahren. Dieses faßt die Ursachen ins Auge, die offenkundig vorliegenden oder tatsächlich nachweisbaren großen und greifbaren Faktoren, welche die Vorgänge, die es aufzuhellen gilt, beeinflußt haben müssen und bei welchen nur das Maß dieses Einflusses einen Gegenstand der Frage bilden kann. Der Vortritt gebührt in unserem Falle, wo es sich um die Anfänge des höheren geistigen Lebens eines Volkes handelt, den Verhältnissen seiner räumlichen Ausbreitung und der Beschaffenheit seiner Wohnsitze.

Hellas ist ein meerumflossenes Bergland. Gering ist die Ausdehnung seiner Flußtäler, vergleichsweise gering die Fruchtbarkeit seines Bodens. Schon in diesem Verein von Umständen sind einige Grundzüge der eigentümlich hellenischen Entwickelung vorgebildet. Vor allem: etwaigen dahin verstreuten Kulturkeimen war Dauer, Stetigkeit und Mannigfaltigkeit der Pflege gesichert. Der Sturm der Eroberung, der über ein schutzloses Flachland ungehemmt hinwegbraust, pflegt sich an Gebirgswällen gleichwie an den Mauern einer Festung zu brechen¹. So viele Bergkantone, so viele mögliche Stätten eigenartiger Bildung, so

4 Land und Leute

viele Sitze eines stark ausgeprägten Sonderlebens, welches für die reiche, vielgestaltige Gesittung Griechenlands so ersprießlich wie für die staatliche Zusammenfassung seiner Kräfte verhängnisvoll werden sollte. Der kantonalen Erstarrung, wie z. B. das ganz binnenländische Arkadien sie aufweist, bot die beispiellos reiche Küstenentwickelung das heilsamste Gegengewicht. Einem Flächengehalte, der kleiner ist als jener Portugals, steht eine Küstenlinie, größer als diejenige Spaniens, gegenüber. Auch ward die Vielseitigkeit der Begabung dadurch nicht wenig gesteigert, daß die verschiedensten Nahrungs- und Berufszweige im engsten Raume beieinander saßen, daß Familien von Schiffern und Hirten, von Jägern und Ackerbauern fortwährend miteinander verschmolzen und somit einen Inbegriff sich wechselseitig ergänzender Anlagen und Fähigkeiten auf die Nachfahren vererbten. Die "Dürftigkeit" aber, "welche in Hellas von Anbeginn zu Hause war", hat sich als die heilsamste Mitgift erwiesen, welche eine gütige Fee ihm in die Wiege legen kennte. Sie hat in dreifacher Rücksicht die Kultur aufs mächtigste gefördert: als ein Sporn, der zur Anspannung aller Kräfte trieb; als ein weiterer Schutz gegen Eroberung, da das verhältnismäßig arme Land, wie dies schon der tiefdenkendste Geschichtschreiber des Altertums¹ in betreff Attikas angedeutet hat, als eine wenig begehrenswerte Beute erscheinen mußte; schließlich und hauptsächlich als ein gewaltiger Antrieb zu Handel, Seeverkehr, Auswanderung und der Anlage von Pflanzstädten.

Die hafenreichsten Buchten des griechischen Mutterlandes öffnen sich nach Osten, wo auch dichtgesäete Inseln und Inselchen gleichsam Schrittsteine bilden, die zu den alten asiatischen Kultursitzen hinüberleiten. Griechenland blickt gewissermaßen nach Osten und Süden, während sein Rücken dem - vor alters gesittungsarmen - Westen und Norden zugekehrt ist. Dieser Gunst des Schicksals hat sich noch eine ganz besonders glückliche Fügung zugesellt. Das staatlich machtlose, aber gewinn- und wagelustige, die Meere kühn durchkreuzende Handelsvolk Phöniziens erscheint wie dazu ausersehen, zwischen dem jungen Griechenland und den Trägern einer uralten Kultur zu vermitteln. So wurden den Hellenen die Elemente der Gesittung aus Babylon und Ägypten zugeführt, ohne daß diese Übertragung um den Preis der Unabhängigkeit erkauft werden mußte. Wieviel stetiger und ungebrochener dadurch die Entwickelung des begnadeten Landes geworden ist, wie viele Opfer an Volkskraft ihm erspart blieben, dies mag, wenn es not tut, ein Blick auf das Geschick von Kelten und Germanen lehren, welchen Rom seine höhere Gesittung zugleich mit der Knechtung gebracht hat, oder auf das traurige Los der Naturvölker, welche in unseren Tagen von

5 Bedeutung der Kolonien

dem übermächtigen Europa den Segen der Kultur empfangen haben, der ihnen vielfach zum Fluche geworden ist.

Von entscheidendem Einfluß auf das griechische Geistesleben waren jedoch die Kolonien¹. Solche wurden zu allen Zeiten und unter jeder Regierungsform gegründet. Die kampfdurchtobte Königszeit sah vielfach alte Ansiedler vor nachwandernden Stämmen aus ihren Sitzen weichen und jenseits des Meeres eine neue Heimat suchen. Die Geschlechterherrschaft, welche ganz und gar auf dem dauernden Verband von Grundbesitz und adeliger Abstammung beruhte, mußte den verarmten Edelmann, den geborenen Unruhstifter, häufig in die Fremde entsenden und dort mit neuem Landbesitz ausstatten. Andere Opfer der nie ruhenden Parteifehden folgten nach. Bald galt es, dem erstarkenden Seehandel feste Stützpunkte, dem aufblühenden Gewerbefleiß die Zufuhr von Rohstoffen, der wachsenden Volksmenge Bezugsquellen der Nahrungsmittel zu sichern. Dieselbe Auskunft diente vor allem in der Demokratie der Versorgung der Besitzlosen und der Beseitigung der Übervölkerung. So entstand frühzeitig jener weit ausgebreitete Gürtel griechischer Pflanzstädte, der vom Land der Donischen Kosaken bis in die Oasen der Sahara² und vom Ostgestade des Schwarzen Meeres bis an die Küste Spaniens reichte. Wenn man das von Hellenen besiedelte Süditalien Großgriechenland genannt hat, so verdient die Gesamtheit jener Siedelungen das "größere Griechenland" zu heißen. Die bloße Zahl und Mannigfaltigkeit der Kolonien hatte bereits die Aussicht, daß etwaige dahin gelangende Gesittungskeime einen ihrer Entwickelung günstigen Boden finden würden, aufs erheblichste gesteigert. Eine weitere unabsehbare Steigerung dieser Aussichten ergibt sich aus dem Wesen der Siedelungen und der Art ihrer Gründung. Zur Anlage von Pflanzstädten wurden die für wirtschaftliches Gedeihen geeignetsten, vielversprechendsten Küstenpunkte ausgewählt. Es sind junge, kraft- und mutvolle Männer, welche mit Vorliebe in die Ferne ziehen und ihre überlegenen Eigenschaften auf zahlreiche Nachkommen vererben. Auch sind es nicht die geistig Zurückgebliebenen, die am Herkömmlichen und Veralteten Haftenden, die der Heimat ohne dringendste Not den Rücken kehren. Ferner erfolgten jene Wanderungen zwar in der Regel unter der Leitung einer einzelnen Stadtgemeinde, aber trotzdem häufig mit beträchtlichem fremden Zuzug. Zur also bewirkten Kreuzung der Stämme gesellte sich zumeist, da ungleich mehr Männer als Frauen auszogen, die Beimengung nicht-hellenischen Blutes. So viele Kolonien, so viele Versuchsstätten, in welchen griechisches mit nicht-griechischem Volkstum in wechselnden Verhältnissen zusammengeschmelzt und das Erzeugnis auf

6 Zeitalter der Tyrannis

seine Widerstands- und Leistungsfähigkeit geprüft ward. Der Sinn der Auswanderer erhob sich leicht über die Schranken örtlicher Satzungen, dumpfen Stammesaberglaubens und nationaler Engherzigkeit. Die Berührung mit fremden Kulturen, selbst wenn diese keine hochentwickelten waren, mußte den geistigen Gesichtskreis beträchtlich erweitern. Die Volkskraft wuchs rasch empor, der Volksgeist erstarkte durch das Ringen mit neuen, schwierigen Aufgaben. Hier galt der Mann mehr als seine Abkunft, die Tüchtigkeit fand reichen Lohn, die Untüchtigkeit war hart gebettet und schlecht geschirmt. Die Macht der bloßen Überlieferung, der gedankenlosen Routine war dort im schnellen Sinken begriffen, wo alles nach Neuordnung und Neugestaltung der wirtschaftlichen, staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse verlangte. Manche Pflanzungen erlagen freilich dem Andrang feindlicher Hintersassen, in anderen ward die Eigenart der Ansiedler durch das Übergewicht der Eingeborenen erdrückt. Im großen und ganzen aber blieb der pietätvoll behütete, nicht selten durch Nachschübe verstärkte Zusammenhang mit der Mutterstadt und dem Mutterland innig genug, um allen Teilen den Segen einer im höchsten Maße fruchtbaren Wechselwirkung zu erhalten. Die Kolonien waren das große Experimentierfeld des hellenischen Geistes, auf welchem dieser unter der denkbar größten Mannigfaltigkeit von Umständen seine Fähigkeiten erproben und die in ihm schlummernden Anlagen entfalten konnte. Jahrhundertelang hat der frische, fröhliche Aufschwung kolonialen Lebens gewährt; auf den meisten Gebieten ist die alte Heimat von den Tochterstädten überflügelt worden; fast alle großen Neuerungen sind von diesen ausgegangen; es kam die Zeit, in welcher auch die sinnige Vertiefung in die Rätsel der Welt und des Menschenlebens hier eine dauernde Stätte und nachhaltige Pflege finden sollte.

2. Es gibt einen Abschnitt der hellenischen Geschichte, welcher mit dem Ausgang unseres Mittelalters die auffallendste Ähnlichkeit besitzt. Hier und dort haben gleichartige Ursachen gleichartige Wirkungen hervorgebracht¹.

Den großen Entdeckungsreisen, welche den Beginn der Neuzeit einleiten, steht eine außerordentliche Erweiterung des geographischen Horizontes bei den Griechen gegenüber. Der ferne Westen und der ferne Osten der damals bekannten Welt verlieren ihre nebelhaften Umrisse; an die Stelle sagenhafter Verschwommenheit tritt sicheres und bestimmtes Wissen. Bald nach 800 wird von Milet aus die Ostküste des Schwarzen Meeres besiedelt (Sinope ist 785, ein Menschenalter später Trapezunt gegründet), bald nach der Mitte des Jahrhunderts erfolgen

7 Soziale Wandlungen

von Euböa und Korinth aus die ersten griechischen Niederlassungen auf Sizilien (734 Syrakus); ehe das Jahrhundert zu Ende geht, hat das hochstrebende Milet an den Mündungen des Nilstroms festen Fuß gefaßt. Dieser Drang in die Ferne schließt dreierlei in sich. Er beweist rasche Volkszunahme im Mutterland und in den älteren Ansiedlungen, einen beträchtlichen Aufschwung der Handels- und Gewerbetätigkeit, endlich erhebliche Fortschritte der Schiffsbaukunst und verwandter Zweige der Technik. Die Handelsflotten werden fortan durch Kriegsflotten geschirmt; see- und kampftüchtige, hochbordige Fahrzeuge mit drei Reihen von Ruderbänken werden erbaut (zuerst für die Samier 703), Seeschlachten werden geschlagen (die erste 664), das Meer gewinnt für das griechische Kulturleben, für friedlichen und feindlichen Verkehr die höchste Bedeutung. Zu gleicher Zeit wird dem Handelsbetrieb durch die Geldprägung ein neues und hochwichtiges Organ geschaffen. Als Verkehrsmittel und Wertmesser genügen nicht mehr kupferne "Kessel" und "Dreifüße"¹, so wenig als die "Rinder" der grauen Vorzeit. Das Edelmetall verdrängt diese älteren und roheren Behelfe. Gold und Silber waren längst schon von Babyloniern und Ägyptern in Stab- und Ringform zu Markte gebracht und mindestens von den ersteren auch mit einem das Gewicht und den Feingehalt verbürgenden staatlichen Merkzeichen versehen worden. Nunmehr erlangt das zweckdienlichste, weil zugleich wertvollste und dauerbarste Tauschmittel seine bequemste Gestalt, indem es als geprägte Münze von Hand zu Hand rollt. Die bedeutsame Erfindung, welche die jonischen Phokäer (um 700) von den Lydern entlehnt hatten, erleichtert und steigert den Handelsverkehr in nicht geringerem Maße als der im späten Mittelalter von jüdischen und lombardischen Kaufleuten in Aufnahme gebrachte Wechselbrief. Ein nicht minder tiefgreifender Wandel vollzieht sich in der Kriegführung. Neben dem Reiterdienst, der in dem gras- und kornarmen Lande stets ein Vorrecht reicher Grundbesitzer blieb, kommt jener der "Hopliten", des ungleich zahlreicheren schwerbewaffneten Fußvolkes, zu erhöhter Geltung, ein Umschwung von ähnlicher und nicht wenigerfolgenreicher Art, als jener, welcher bewaffnete Schweizer Bauern über burgundische und österreichische Ritter den Sieg gewinnen ließ. Neue Schichten des Volkes sind zu Wohlstand und Bildung aufgestiegen und von starkem Selbstgefühl erfüllt. Neben den alten Landgeschlechtern regt ein rüstiges Bürgertum seine junge Kraft und trägt immer unwilliger das Joch der adeligen Herren. Der Widerspruch zwischen realen Machtverhältnissen und rechtlichen Befugnissen birgt hier wie immer den Bürgerkrieg in seinem Schoß. Der Klassenkampf entbrennt, reißt auch den arg bedrückten

8 Literarische Neuerungen

mehrfach der Leibeigenschaft verfallenen Bauernstand mit sich fort und erzeugt ein Geschlecht von Gewaltherrschern, die aus den Rissen und Spalten der zerklüfteten Gesellschaft emportauchen, die geltenden Ordnungen teils brechen, teils beiseite schieben und ein zumeist zwar kurzlebiges, aber keineswegs folgenarmes Regiment begründen. Orthagoriden, Kypseliden, Peisistratiden, ein Polykrates und manche andere lassen sich den italienischen Machthabern des ausgehenden Mittelalters, den Medici, Sforza, Visconti vergleichen, wie die Parteifehden jener Epoche an den Streit der Zünfte und der Geschlechter erinnern. Das Dunkel des Ursprungs und der zweifelhaften Berechtigung der neugeschaffenen Fürstenhäuser sollte der Glanz überstrahlen, welcher von kriegerischen Unternehmungen und Bündnissen mit fremden Herrschern, von großartigen Werken des gemeinen Nutzens, von stolzen Prachtbauten und Weihgeschenken ausgeht und welchen der den nationalen Heiligtümern gewidmete Schutz und die den Pflegern der schönen Künste gewährte Gunst erhöhen. Die dauerndste Wirkung dieses geschichtlichen Zwischenspiels ist aber eine andere: die Beschwichtigung des Ständehaders, der Sturz der Adelsherrschaft ohne gleichzeitigen Zusammenbruch des Gemeinwesens, die Erfüllung der bald wiederhergestellten alten Verfassungsformen mit einem neuen und reicheren Inhalt. Die "Tyrannis" ist die Brücke, welche zur gemäßigten und schließlich zur voll entfalteten Volksherrschaft hinüberleitet.

Mittlerweile floß der Strom der geistigen Bildung in einem zugleich breiteren und tieferen Bett als vordem. Der Heldengesang, der jahrhundertelang an jonischen Edelhöfen zum Spiel der Laute erklungen war, verstummt allmählich. Neue Dichtungsarten treten auf den Plan, unter ihnen solche, welche den Dichter nicht mehr hinter seinem Stoff verschwinden lassen. Die subjektive Poesie beginnt. Und wie sollte es anders sein? Ist doch die Zahl derjenigen beträchtlich gewachsen, deren Dasein nicht mehr im festen Geleis ererbter Ordnungen dahinrollt. Die Wechselfälle des staatlichen und die ihnen entspringende Unsicherheit des wirtschaftlichen Lebens verleihen dem Schicksal des einzelnen buntere Mannigfaltigkeit, seiner Eigenart schärferes Gepräge; sie erhöhen seine Selbstätigkeit und steigern seine Zuversicht. Er beginnt als Mahn- und Scheltredner, als Tadler und Berater zu seinen Stadt- oder Parteigenossen zu sprechen, seinen Hoffnungen und Enttäuschungen, seiner Freude und seiner Trauer, seinem Grimm und seinem Hohn in bewegter Rede Luft zu machen. Dem vielfach auf sich selbst gestellten, nur auf die eigene Kraft bauenden Individuum erscheinen auch seine privaten Anliegen bedeutsam genug, um sie auf den Markt der Öffentlichkeit zu

9 Erweiterung des Gesichtskreises

tragen. Er schüttet sein volles Herz vor seinen Mitbürgern aus, er ruft sie als Richter an in seinen Liebes- und in seinen Rechtshändeln, er heischt ihr Mitgefühl für die Kränkungen, die er erlitten, für die Erfolge, die er errungen, für die Genüsse, die er errafft hat. Auch die Stoffe der älteren Dichtungsarten werden von einem neuen Geist beseelt. Die Götter- und Heroensage wird von den Meistern des Chorgesanges in mannigfacher, nicht selten in widerspruchsvoller Weise behandelt¹. Neben dem Streben der Lehrdichter nach ordnender und ausgleichender Zusammenfassung des Verschiedenartigen geht hier vielfacher Wechsel in der Gestaltung des Überkommenen, in der Beurteilung der Taten und der Charaktere der Helden und Heldinnen einher; Vorliebe und Abneigung heften sich an einzelne derselben, oft ohne Rücksicht auf geheiligte Überlieferungen. So lösen sich denn mächtige, selbstbewußte Persönlichkeiten in immer größerer Zahl von dem Hintergründe der einförmigen Menge ab. Mit der Gewohnheit eigenartigen Wollens und Empfindens erstarkt auch die Fähigkeit selbständigen Denkens, welches an einer immer reicheren Fülle von Gegenständen betätigt und geübt wird.

3. Der Grieche hatte allezeit ein scharfblickendes Auge auf die Außenwelt gerichtet. Die treue Wiedergabe sinnfälliger Vorgänge macht einen Hauptreiz der homerischen Gedichte aus. Nunmehr beginnt er statt mit Tönen und Worten auch mit allmählich geschulter Hand Gestalten und Bewegungen nachzubilden. Die alten Kulturnationen, vor allen das formsichere, naturfrohe, von launiger Schalkheit erfüllte Volk der Ägypter ist hierin sein vornehmster Lehrmeister gewesen.² Allein auch für die Beobachtung menschlicher Art und Sitte ward immer neuer Stoff gewonnen. Mit der Leichtigkeit des Reisens mehren sich die Anlässe desselben. Nicht nur der nach stets neuem Gewinn ausspähende Kaufmann, auch der landflüchtige Totschläger, der im Bürgerkrieg besiegte und verbannte Parteikämpfer, der unstete, seinen Wohnsitz oftmals wechselnde Siedler, der abenteuernde Geselle, dessen Lanze dem Meistbietenden feil ist, der heute das Brot des assyrischen Königs ißt und morgen den ägyptischen Gerstentrank durch die durstige Kehle jagt, der an den fruchtbehangenen Geländen des Euphrat so heimisch ist wie im Wüstensande Nubiens - sie alle sind Mehrer der Landes- und Volks- und somit auch derMenschenkunde.³ Was einzelne geschaut, vernommen und ihren Volksgenossen mitgeteilt hatten, dies floß wie in großen Sammelbecken an den Punkten zusammen, an welchen Angehörige aller Stämme und Städte sich häufig begegneten oder in regelmäßigen Zeitabschnitten miteinander verkehrten. Ersteres gilt vorzugsweise von der

10 Orakel und Nationalspiele

Orakelstätte zu Delphi, das letztere von den periodisch wiederkehrenden Festversammlungen, unter welchen jene zu Olympia die erste Stelle einnahm. Unter den steil aufragenden Felswänden, welche das Heiligtum des pythischen Apollo beschatteten, trafen Bürger und Vertreter ganzer Staatswesen aus allen Teilen des Mutterlandes und des Kolonialgebietes ohne Unterlaß zusammen, neben welchen mindestens seit der Mitte des siebenten Jahrhunderts bisweilen Sendboten fremdländischer Könige erscheinen. Sie alle kamen, den Gott zu befragen; die Antwort empfingen sie jedoch zumeist von der aufgehäuften, durch Priesterhände klug gesichteten Erfahrung ihrer Vorgänger. Auch verließen nur wenige die romantische Bergschlucht, ohne überdies aus der persönlichen Berührung mit Wallfahrtsgenossen reiche Anregung und Belehrung geschöpft zu haben. Die Anziehungskraft der glänzenden Spiele, welche im breiten Flußtal des Alpheios gefeiert wurden, wuchs von Generation zu Generation; das Festprogramm wurde durch die Aufnahme neuer Arten von Wettkämpfen stetig erweitert; der Zufluß der Besucher, die anfänglich nur den umliegenden Landschaften entstammt waren, ist, wie die (seit 776 bekannt werdenden) Siegernamen zeigen, aus immer weiteren Kreisen der hellenischen Welt erfolgt. Zum Austausch der Nachrichten und Erkundigungen gesellte sich hier die wechselseitige Beobachtung und die Erörterung der in den mannigfachen Bezirken des vielgeteilten Landes bestehenden Einrichtungen, der weit voneinander abweichenden Bräuche, Sitten und Glaubenslehren. Der Vergleichung folgte die Beurteilung, dieser das Nachdenken über die Gründe der Verschiedenheit und das Bleibende im Wechsel, das Suchen nach allgemein gültigen Maßstäben des Handelns und des Glaubens. So hat eine geschärfte und bereicherte Beobachtung zur komparativen Betrachtung, diese zur Kritik und vertieften Reflexion geführt. Von dieser Quelle ward im Laufe der Zeiten manch ein stolzer Strom gespeist; ihr entsprang unter anderem die Spruchdichtung, die Schilderung menschlicher Charaktertypen, die Worte der Weisheit, welche tiefdenkende Bürger und weltkundige Staatslenker in bunter Fülle ausstreuten.

Der Ausbreitung des neuen Bildungserwerbs diente das beschwingte Vehikel des Gedankenaustauschs, welches die Schreibkunst darbietet. Die Schrift war unter Griechen freilich schon seit lange heimisch gewesen. Konnte doch der innige Verkehr mit Phöniziern, welchen die homerischen Gedichte schildern, kaum stattfinden, ohne daß der gewitzte griechische Kunde von dem kananäischen Kaufmann, den er so häufig bei der Anfertigung von Aufzeichnungen betreffen mußte, diesen wunderbaren Behelf der Aufbewahrung und Mitteilung des Gedachten entlehnt hätte

11 Entlehnung der Schreibkunst

Ja, schon vordem mußte sich wenigstens ein Teil der Hellenen im Besitz der Schreibkunst befinden. Denn die jüngst auf cyprischen Denkmälern zutage getretene Silbenschrift ist so schwerfällig und unbeholfen, daß ihr Gebrauch der Annahme der bequemen semitischen Buchstabenschrift ebensowenig nachgefolgt sein kann wie etwa die Anwendung der Streitaxt jener der Flinte. Allein eine geraume Frist hindurch fehlte es an einem zugleich handlichen und leicht zu beschaffenden Beschreibstoff. Erst der Aufschwung, welchen der Handelsverkehr mit Ägypten unter der Herrschaft des Königs Psammetich I. nahm (bald nach 660), ließ diesen Mangel ergänzen. Das in dünne und biegsame Streifen zerteilte zarte Mark der Papyrusstaude lieferte nunmehr ein diesem Zweck in kaum zu übertreffender Weise dienstbares Mittel. Mit Schriftzeichen bedeckte Blätter flogen fortan von Stadt zu Stadt, von Landschaft zu Landschaft, von Jahrhundert zu Jahrhundert; der Umlauf der Gedanken wird beschleunigt, der Stoffwechsel des geistigen Lebens erhöht, die Stetigkeit der Bildung gefördert, in kaum geringerem Maße, als dies beim An-bruch unserer Neuzeit durch die Erfindung des Buchdruckes geschehen ist. Neben den mündlichen, Ohr und Sinn des Hörers gefangen nehmenden Vortrag der Gedichte tritt allgemach der stille Genuß derselben durch den einsamen, unbestochenen, mit Bedacht erwägenden, mit Muße vergleichenden, mit Mißtrauen prüfenden Leser. Bald sollte die literarische Mitteilung auch die letzte ihr noch anhaftende Fessel, jene der gebundenen Rede, abstreifen; die Anfänge der Prosaschriftstellerei sind nicht mehr ferne.

4. Die Westküste Kleinasiens ist die Wiege der griechischen Geistesbildung. Vor allem der Landstrich, welcher die Mitte des von Norden nach Süden sich erstreckenden Küstensaumes einnimmt, und die anliegenden Inseln. Hier hat die Natur ihre Gaben mit vollen Händen ausgestreut, und die sie empfingen, waren Angehörige des jonischen, das ist des allseitigst begabten hellenischen Stammes.¹ Die Herkunft der Jonier liegt im Dunkeln. Die älteste griechische Bevölkerung des Mutterlandes - so urteilt einer der besten Kenner des Gegenstandes - war eine den Joniern homogene; die Achäer stellen schon eine zweite Schicht dar, die sich auf die jonische lagerte wie später die dorische auf die achäische. Noch vor dem Eindringen der Achäer hatte sich die jonische Stammesgruppe vom Festland aus nach Osten über die Inseln ausgebreitet und war in ihre neue asiatische Heimat gelangt. Den erweckenden und befruchtenden Einfluß, welchen die Berührung mit fremden, vorgeschritteneren Nationen ausübt, haben sie als kühne Seefahrer sowohl als durch

12 Das Schicksal Joniens

den regen Verkehr mit ihren Hintersassen - in stärkstem Maß erfahren¹. Auch der Segen der Blutmischung mit anderen kräftigen Rassen, wie Karer und Phönizier es waren, ist ihnen zuteil geworden und hat die Mannigfaltigkeit ihrer Begabung ohne Zweifel mächtig gesteigert. Von der Erstarrung, welche die kantonale Abgeschlossenheit in ihrem Gefolge hat, waren sie unter allen Griechen am weitesten entfernt. Aber freilich auch des Schutzes ermangelten sie, welchen ein dürftiges und von Bergen umhegtes Land seinen Bewohnern bietet. Die Nähe hochentwickelter und staatlich geeinter Kulturvölker brachte zugleich ihrem geistigen Leben die gewaltigste Förderung und ihrer politischen Selbständigkeit die schlimmste Gefährdung. Den verheerenden Einfällen der ungesitteten Kimmerier folgte die Eroberung durch Lyder und Perser, welche einem Teil des Volkes das Joch der Fremdherrschaft auflegte, einen andern in die Ferne trieb, während das Eindringen orientalischer Üppigkeit seine mannhafte Kraft langsam aber sicher unterwühlte. Das Ergebnis dieser sich kreuzenden günstigen und ungünstigen Einflüsse war ein wunderbar rascher, aber vergleichsweise kurzer Kulturaufschwung. Der nur allzubald fallenden Frucht entsanken Samenkörner, welche von den dem Fremdjoch entfliehenden Auswanderern weithin getragen und zumal in dem schützenden Nährboden Attikas sicher geborgen wurden. Das Fazit dieser nur wenige Jahrhunderte dauernden Entwickelung war ein gewaltiges: die Vollendung des Heldengesanges, das Gedeihen der vorhin erwähnten neuen Dichtungsarten, welche die Erbschaft des Epos antraten, die Anfänge des Betriebes der Wissenschaften und der philosophischen Reflexion. Auf die alte Frage der Menschen nach dem, was "sie selbst und Gott und Welt bedeuten", erfolgten neue Antworten - Antworten, welche allmählich diejenigen verdrängten oder umgestalteten, die ihnen bis dahin der religiöse Glaube erteilt hatte.

5. Die Religion der Griechen ist ein Gefäß, welches edle Geister mit dem lautersten Gehalt erfüllt haben. Ihre Gestalten wurden von Dichtern und Bildnern zu Mustern der reinsten Schönheit verklärt. Sie ist jedoch aus denselben Wurzeln entsprossen, welchen allüberall auf Erden eine unübersehbare Fülle teils schöner oder heilsamer, teils häßlicher oder schädlicher Geistesgebilde entkeimt ist².

Der Zug unserer Gedanken ist ein zwiefacher. Sie gehorchen dem Gesetz der Ähnlichkeit und jenem der Aufeinanderfolge. Gleichartige Vorstellungen und nicht minder solche, welche gleichzeitig oder in unmittelbarer Folge in unser Bewußtsein treten, erwecken einander gegenseitig. Die Erinnerung an einen fernen Freund z. B. zaubert uns nicht

13 Ursprung der Religionsvorstellungen

nur sein Bildnis vor die Seele; auch die Räume, in denen er zu weilen, die Geräte, mit denen er zu hantieren pflegte, leisten uns einen ähnlichen Dienst. Der Wirksamkeit dieser Gesetze, die man gemeiniglich die Gesetze der Ideenassoziation nennt, entspringt unmittelbar und unfehlbar jene Auffassung von Naturvorgängen, welche man als Verlebendigung der Natur bezeichnen kann. So oft dem Naturmenschen eine Bewegung oder ein sonstige Wirkung entgegentritt, die entweder durch ihre Ungewöhnlichkeit oder durch ihre enge Verknüpfung mit seinen Interessen einen genügend starken Eindruck auf seinen Geist hervorbringt, um die Assoziationstätigkeit desselben lebhaft anzuregen, so oft das geschieht, wird er nicht umhin können, die betreffenden Vorgänge als die Ausflüsse einer Willenstätigkeit anzusehen - aus keinem andern Grunde, als weil die Verbindung von Willenstätigkeit mit Bewegungen und mit Wirkungen irgendwelcher Art die einzige ist, welche er und welche der Mensch überhaupt aus unmittelbarer innerer, täglich und stündlich erneuter Erfahrung kennt. Die aus dieser inneren Erfahrung entspringende Assoziation wird durch die Beobachtung anderer lebender Wesen fortwährend verstärkt. In Wahrheit sind Wirkungen jeder Art und absichtsvolles Wollen in unserem Geist so häufig verknüpft worden, daß wir dort, wo das eine Glied des Paares auftaucht, auch das andere Glied anzutreffen erwarten - eine Erwartung, welche allmählich durch anders geartete Erfahrungen, zumal durch die langsam errungene Herrschaft über die Natur, in engere Grenzen gebannt wird, die aber dort, wo die verkettende Kraft der Vorstellungen durch starke Affekte genährt oder durch gegenteilige spezifische Erfahrung nicht ausreichend gehemmt wird, oder wo das zweite Assoziationsprinzip, das der Ähnlichkeit (hier eines unbeabsichtigten mit einem beabsichtigten Vorgang) verstärkend hinzutritt, gelegentlich alle Dämme durchbricht und den Kulturmenschen, mindestens für Augenblicke, dem Urmenschen gleichstellt. Es sind dies Fälle, in welchen es uns vergönnt ist, die Wahrheit jenes Erklärungsprinzipes gleichsam experimentell festzustellen. Denn freilich sind wir nicht mehr dem Wilden gleich geneigt, einen bloß ungewohnten Vorgang in der angegebenen Weise auszulegen und einen uns unbekannten Mechanismus, etwa eine Taschenuhr oder ein Geschütz, für ein belebtes Wesen zu halten. Auch Blitz und Donner, eine Seuche oder einen vulkanischen Ausbruch führen wir nicht ohne weiteres auf die Wirksamkeit solcher Wesen zurück. Allein so oft uns ein unerhörter Glücksfall zustößt oder ein beispielloses Unglück uns mit jäher Gewalt trifft, zumal wenn die erkennbaren Ursachen des Ereignisses zu der erzielten Wirkung nicht in angemessenem Verhältnis zu stehen scheinen, ja selbst dann, wenn das

14 Verlebendigung der Natur

Begebnis ein an sich geringfügiges, aber sein Auftreten (wie bei den seltsamen Fügungen eines Glücksspiels) ein jeder Berechnung spottendes ist - in diesen und ähnlichen Fällen drängt sich auch dem wissenschaftlich Gebildeten, wenigstens momentan, der Gedanke an ein absichtsvolles Walten auf, selbst wenn er mit der waltenden Macht, deren Eingreifen er wahrzunehmen glaubt, ganz und gar keine bestimmte Vorstellung zu verbinden weiß. Mit dem Gottesglauben in der Gestalt, welche dieser heutzutage bei Gebildeten erlangt hat, haben derartige Anwandlungen nichts zu schaffen. Denn nicht nur wird auch der Ungläubige von ihnen berührt; selbst der Gläubige wird zumeist völlig außerstande sein, diese seinen Geist durchzuckenden Ahnungen mit den Begriffen in Einklang zu bringen, die er in betreff der Natur und Wirksamkeit eines höchsten, weltlenkenden Wesens sich selbst gebildet oder von andern überkommen hat. So darf man denn in diesem "Alräunchen des Aberglaubens", welches gelegentlich in der Brust eines jeden spukt, das verblaßte und verschrumpfte Abbild der allgewaltigen Stamm-Mutter erblicken, aus deren Schoß einst eine ungezählte Menge vielgestaltiger und farbenbunter Vorstellungen entsprossen ist.

An diesen ersten Schritt der Religionsbildung schließt sich unvermerkt ein zweiter an. Zu der Annahme, daß eine Wirkung der Ausfluß einer Willenstätigkeit sei, tritt die Wahrnehmung hinzu, daß eine Reihe häufig wiederkehrender Wirkungen an ein und dasselbe Naturobjekt gebunden ist. Somit werden ebendiese als die belebten, willensbegabten Urheber jener Vorgänge gelten. Und ihnen als den Trägern der nach menschlichem Muster wirksam gedachten Willenstätigkeit werden menschliche Antriebe und Neigungen, menschliche Affekte und Absichten zugeschrieben. Sie werden angestaunt und bewundert, vor allem aber, je nachdem die von ihnen ausgehenden Wirkungen nützliche oder schädliche, heilsame oder unheilvolle sind, geliebt oder gefürchtet. Und wenn sie, wie dies bei den großen Naturgegenständen, die das Leben der Menschen nachhaltig beeinflussen, zumeist der Fall ist, der Reihe nach Wirkungen der einen wie der andern Art hervorbringen, so wird der Mensch sich gedrängt fühlen, ihre Gunst zu erringen, ihr Wohlwollen zu befestigen, ihre etwaige feindselige in eine ihm wohlgeneigte Gesinnung zu verwandeln. Er wird den Himmel zu bewegen suchen, statt zerstörenden Unwetters befruchtenden Regen auf die Erde zu senden; er wird die Sonne zu vermögen trachten, daß sie ihm statt versengender Hitze milde Wärme spende, die Flüsse, daß sie nicht seine Wohnstätten verheeren, sondern sein schwankes Boot geduldig auf ihrem Rücken tragen. Er wird die machtvollen Wesen, die sein Dasein beherrschen,

15 Geister und Dämonen

durch dieselben Mittel zu gewinnen streben, die er seinen irdischen Herren gegenüber so dienlich erfunden hat: durch Bitten, durch Danksagungen, durch Darbringungen. Er wird ihre gnadenreiche Huld erflehen, ihnen für die Wohltaten danken, die sie ihm erwiesen, und ihre Verzeihung erbitten, wenn er ihren Unmut erregt zu haben wähnt. Mit einem Worte, er wird beten und opfern, beides in den Formen, welche eine vermeintliche Erfahrung ihm als die wirksamsten gezeigt hat; er wird einen Kultus und eine Religion besitzen.

Diesen Verehrungsobjekten, die wir Naturfetische nennen dürfen, gesellen sich alsbald Scharen von Geistern und Dämonen zu. Es sind dies weder völlig unkörperliche, noch auch grobkörperliche Wesen. Zu dem Glauben an ihr Dasein gelangt der primitive Mensch, dem alle feineren Unterscheidungen des wissenschaftlichen Denkens fremd sind, auf Grund einer dreifachen Reihe von Schlüssen - Schlüsse, die er aus wirklichen oder vermeintlichen äußeren Wahrnehmungen, aus Tatsachen des inneren oder Gemütslebens und endlich aus Beobachtungen zieht, zu welchen der Übergang vom Leben zum Tode bei Menschen und Tieren den Stoff darbietet.

Daß es Dinge gibt, die unsichtbar und ungreifbar, aber darum nicht weniger gegenständlich sind, dies lehrt den Urmenschen der Duft jeder Blume glauben; der Wind - dessen stoffliche Natur ihm nur halb bekannt ist - gibt ihm Kunde von Dingen, die empfunden, aber nicht geschaut werden. Verblüffend und verwirrend wirkt auf ihn die Wahrnehmung von Schatten, welche die Umrisse eines Gegenstandes zeigen, ohne körperliche Greifbarkeit zu besitzen. Noch mehr die auch mit Farben versehenen Reflexbilder, die auf einer Wasserfläche erscheinen. In beiden Fällen gewahrt er etwas, was den körperlichen Objekten genau gleicht und doch des Versuches spottet, es zu ergreifen und zu betasten. In noch höherem Maße wird er von Traumbildern befremdet. Diese glaubt er mit all seinen Sinnen wahrzunehmen; sie stehen leibhaftig vor ihm, und dennoch: er findet die Tür seiner Hütte beim Erwachen so fest verschlossen, wie sie es vorher war. Vor ihm sind - er kann nicht daran zweifeln - Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine, Geräte aller Art gestanden, er hat sie gesehen, gehört, betastet, während sie doch nicht in voller körperlicher Wirklichkeit in seine, sie oftmals räumlich gar nicht fassende, Wohnstätte eingegangen sind. Es waren - so schließt er - den Düften, den Winden, den Schatten, den Reflexbildern vergleichbare Wesen, es waren Seelen der Dinge.¹ Bisweilen verlangen und gebieten die Traumphänomene auch eine andere Art der Auslegung. Der Träumende empfängt nicht immer die Besuche fremder Personen- oder Sachseelen, er

16 Sach- und Menschenseelen

glaubt häufig, große Räume durchmessen und mit weit Entfernten in deren Heimat verkehrt zu haben. Er schließt daraus, daß ein Etwas, diesmal seine eigene Seele oder eine seiner Seelen (denn der Glaube an eine Mehrheit von solchen ist ebenso begreiflich als weitverbreitet), seinen Körper zeitweilig verlassen hat. Dieselben Erfahrungen mit demselben Gefolge von Schlüssen werden ihm durch die Zustände vermittelt, die wir Halluzinationen nennen, und die ebenso wie schwere, aufregende Träume von den bald durch langes Fasten, bald durch plötzliche Übersättigung überreizten Nerven des unregelmäßig ernährten Wilden gar häufig erzeugt werden. Diese Seelen oder Essenzen der Dinge stehen zwar mit diesen selbst in engster Verbindung; was ihnen widerfährt, übt auch auf diese ihre Wirkung. Auf den Schatten eines Menschen zu treten, gilt noch in unserem Volksglauben für verpönt; das Krokodil, welches nach dem Wasserbild eines am Ufer Befindlichen schnappt, hat - so meint ein Volksstamm Südafrikas - auch das Urbild in seine Gewalt bekommen¹; was Traumbilder tun oder erleiden, ist für ihre Urbilder von wesentlichstem Belange. Allein zu ungleich größerer Macht, zu eigentlicher Selbsttätigkeit gelangt die Seele im Glauben der Völker zunächst durch eine zweite Reihe von Erwägungen, die nicht im Gebiete der Sinneswahrnehmung, sondern in jenem der Willensvorgänge wurzeln.

Solange das innere Leben des Urmenschen im Geleise gleichmäßiger Gewohnheit abläuft, findet er sich wenig veranlaßt, über Sitz und Ursprung seines Wollens und Strebens nachzudenken. Aber wenn sein Blut in heftige Wallung gerät, wenn er von innerer Erregung glüht und erzittert, dann empfängt er von seinem pochenden Herzen wie von selber die Belehrung, daß diese Gegend seines Körpers der Schauplatz von Vorgängen ist, die er nach dem Lichte seiner Einsicht und der ihm zu Gebote stehenden Analogien auszumalen sich gedrungen fühlt. Je stärker und plötzlicher die Wandlung ist, deren er sich bewußt wird, um so weniger wird er, der jede besondere Wirkung mit einem besonderen Wesen zu verknüpfen gewohnt ist, sich des Eindruckes erwehren können, daß ein solches in seinem Busen wirkt und waltet. Und wenn ihn nun gar ein übermächtiger Affekt ergreift, wenn z. B. der Zornmut seine Brust durchtobt und ihn eine wilde, vielleicht bald schwer beklagte Bluttat verüben läßt, oder umgekehrt, wenn er im Begriffe steht, eine solche zu vollziehen, und ein jäh auftauchender Impuls seinen erhobenen Arm wieder sinken macht - in solchen Augenblicken wird sich ihm der Glaube an ein oder mehrere, in ihm oder außer ihm schaltende Wesen, die ihn zum Handeln antreiben oder davon zurückhalten, mit unwiderstehlicher Gewalt aufdrängen.

17 Fortdauer der Seele

Der triebkräftigste Keim des Seelenglaubens liegt jedoch in den Umständen beschlossen, welche das Erlöschen des individuellen Lebens begleiten. Wieder sind es die Fälle plötzlichen Wechsels, welche auf den Beobachter den tiefsten Eindruck hervorbringen und seinem Denken gleichsam die Bahn vorzeichnen. Gliche das Sterben stets einem langsamen Hin welken und schließlichen Entschlummern, wäre der Tote immer bis zur Unkenntlichkeit verändert, vielleicht hätten die aus dem Aufhören des Lebens gezogenen Schlüsse eine sehr verschiedene Gestalt gewonnen. Allein der Leichnam zeigt gar häufig kaum irgendwelche äußere Veränderungen, der eben erst noch Vollkräftige ist mit einemmal ein stiller Mann geworden. Woher - so fragt der Beschauer - stammt die ungeheure, die entsetzliche Wandlung? Ein Etwas, so lautet die Antwort, das ihm Leben und Bewegung verlieh, ist aus dem Sterbenden gewichen; das Fehlen der soeben noch an ihm wahrnehmbaren Kräfte und Eigenschaften wird als ein Abgang im eigentlichen Sinne, als räumliche Entfernung gedeutet. Und da der seinem Ursprung nach so rätselhafte, warme Hauch, der allezeit aus dem lebenden Körper hervordrang, erloschen ist, welcher Gedanke liegt näher, als daß eben mit ihm die Quelle der nunmehr stillstehenden Lebensvorgänge versiegt sei? Gewaltsame Tötungen, bei welchen das Leben dem Körper zugleich mit dem aus der Wunde fließenden Blut zu entströmen scheint, erwecken mitunter den Glauben, daß der rote Saft der Träger des Lebens sei. Bei manchen Völkern gilt das Bild in der Pupille, welches aus dem brechenden Auge des Sterbenden schwindet, als der Erzeuger der Belebung und Beseelung. In der Regel bleibt jedoch dem Hauch, dem Atem, dem Luftstrom, welcher aus dem Innern des lebenden Organismus hervorquillt, diese Rolle Vorbehalten, wie denn der ungeheuren Mehrzahl der Worte, welche in den verschiedensten Sprachen "Seele" und "Geist" bezeichnen, diese Grundbedeutung eignet. Die Ablösbarkeit der Seele vom Leibe ward schon in den beiden nebeneinander hergehenden Deutungen der Traumphänomene vorausgesetzt; ihre zeitweilige Trennung gilt als die Ursache der Ohnmacht, des Scheintodes, der Ekstase, gleichwie das Eindringen einer fremden Seele in den Körper (als Besessenheit) krankhafte Zustände aller Art: Wahnsinn, Krämpfe usw. am passendsten zu erklären scheint. Im Tode aber wird die Scheidung der beiden Elemente als eine dauernde und endgültige angesehen.

Daß das luftartige Wesen, welches den Leib verlassen hat, zugleich mit diesem untergehe, diese Annahme wird durch nichts nahegelegt. Ganz im Gegenteil: das Bild des geliebten Toten will nicht von uns weichen; mit anderen Worten: seine Seele umschwebt uns. Und wie sollte uns

18 Ahnenkultus

das wundernehmen? Muß sie doch an der trauten Stätte ihres Wirkens, an den Gegenständen ihrer Zuneigung und ihrer Zärtlichkeit solange als möglich zu haften trachten. Sollte darüber noch ein Zweifel bestehen, die so häufig in nächtlicher Stille den Zurückgebliebenen erscheinende Traumgestalt des Geschiedenen würde ihn verscheuchen.

Mit der Annahme von Geist- oder Seelenwesen, welche ihre Verbindung mit dem menschlichen und wohl auch dem tierischen Körper überdauern, war zweierlei gegeben: eine neue, den Naturfetischen beigeordnete Klasse von Verehrungsobjekten und ein Musterbild, nach welchem die Einbildungskraft zahlreiche andere selbständig bestehende oder zeitweilig in eine sichtbare Wohnstätte eingehende Wesen schuf und gestaltete. An Veranlassungen, ja an drängenden Beweggründen zu jenem Kultus und zu diesen Schöpfungen hat es dem Naturmenschen nicht gefehlt. Ist doch seine Abhängigkeit von äußeren Umständen die denkbar größte, das Verlangen, das ihn auf Schritt und Tritt umgebende Dunkel zu lichten, nicht minder stark als sein Unvermögen, diesem Begehren eine tatsächliche Befriedigung zu gewähren. Krankheit und Gesundheit, Hungersnot und Überfluß, Erfolg und Mißerfolg in Jagd, Fischfang und Krieg folgen einander in buntem Wechsel. Der Wunsch des primitiven Menschen, die sein Gedeihen bedingenden Faktoren zu erkennen und zu beeinflussen, wird nur von seiner Unfähigkeit übertroffen, diesen Anforderungen in vernunftgemäßer Weise zu entsprechen. Ein Maximum von Wissensbedürftigkeit jedes Einzelnen geht mit einem Minimum wirklichen Wissens Aller Hand in Hand; das von allen Seiten gestachelte, kaum irgendwo gehemmte Spiel der Phantasie ist geschäftig, die ungeheure Lücke auszufüllen, mit einem Aufwand von Schaffenskraft, von welchem wir uns kaum eine ausreichende Vorstellung bilden können. Hat doch die Kultur mit dem Schirmdach, das sie über den Menschen breitet, zugleich eine Scheidewand errichtet, die ihn von der Natur trennt. Die natürlichen Verehrungsobjekte wachsen ins Unbegrenzte. Wald und Wiese, Busch und Quell sind von ihnen erfüllt. Dennoch können sie dem Bedarf des Urmenschen auf die Dauer nicht genügen. Erscheint doch Glück und Unglück, Erfolg und Mißerfolg nicht immer an Objekte der sinnlichen Wahrnehmung gebunden. Oder welches von diesen mochte es wohl verschuldet haben, daß das soeben noch in reicher Fülle vorhandene Jagdwild plötzlich selten ward, daß der oft besiegte Feind sich mit einemmal als übermächtig erwies, daß Lähmung die Glieder fesselte oder Wahnsinn den Geist umnachtete? Mochte immerhin jeder äußerlichste Umstand, der dem hilflosen Denken eine augenblickliche Richtung gab, als untrüglicher Wegweiser gelten;

19 Dreifache Verehrungsobjekte

mochte jedes zufällige Neben- oder Nacheinander als ein festbegründetes ursächliches Band erscheinen; mochte beispielsweise ein bis dahin unbekanntes Tier, das zur Zeit, da eine verheerende Seuche ausbrach, zum erstenmal aus dem Dickicht emporgetaucht ist, sofort als Urheber des Übels betrachtet und demgemäß verehrt und begütigt werden¹ - : der Durst des Naturmenschen nach Kenntnis der segen- und unsegenbringenden Wesen, sein Heils- und Hilfsbedürfnis ward nimmermehr gestillt. So rief man denn jene um Beistand an, die sich schon im Leben als fürsorgliche Schützer und Schirmer erwiesen hatten, die Geister der abgeschiedenen Blutsverwandten, der Eltern, der Vorfahren². Der Ahnenkultus erwuchs und neben ihm die Anbetung von Geistwesen, die nicht in Naturobjekte gebannt sind, sondern mit bestimmten Verrichtungen und Vorkommnissen verbunden gedacht werden, von Schutz- und Plagegeistern aller Art. Die somit gewonnenen drei Kreise von Verehrungobjekten durchschnitten einander in mannigfacher Weise; ihre Insassen begannen aufeinander zu wirken und ineinander überzugehen.

Nichts natürlicher, als daß die vom Duft der Sage umwobene Gestalt eines fernen Ahnen, des Vorvaters eines ganzen Stammes oder Volkes, den großen Naturfetischen an Würde gleichgestellt und bisweilen mit einem derselben, z. B. dem Himmel, verschmolzen ward, gerade wie es umgekehrt geschehen ist, daß eine Nation oder ein hervorragendes Geschlecht den Himmel oder die Sonne als seinen Erzeuger ansah und verehrte. Nichts begreiflicher, als daß Natur- und selbst Kunstgegenstände, die nicht auf Grund sichtbarlich von ihnen ausgehender gewaltiger Wirkungen, sondern nur durch ihre Fremdartigkeit, ihre seltsame Gestalt oder Farbe oder durch ihre zufällige Verknüpfung mit einem denkwürdigen Ereignis die Aufmerksamkeit der Menschen erregt haben, als Wohnsitze von Ahnen- oder sonstigen Geistern gelten, als solche Anbetung genießen und so gleichsam zu sekundären Fetischen werden. Nichts verständlicher endlich, als daß Geister oder Dämonen, die ursprünglich an keinem festen Sitze haften, infolge einer Ähnlichkeit, sei es des Namens, sei es der Eigenschaften, gelegentlich mit irgendeinem Naturfetisch verwechselt werden und schließlich mit diesem zu einem Wesen zusammen wachsen. Nimmermehr kann aus derartigen, mehr oder minder vereinzelten Vorkommnissen geschlossen werden, daß irgendeine der drei großen Klassen von Verehrungsobjekten, etwa die der Naturfetische oder die der freien Dämonen, dem Glauben eines Volkes von Haus aus fremd und ein durchweg später und abgeleiteter Bestandteil desselben sei. Die Folgerung wäre nicht minder verkehrt, als wenn

20 Griechische Götter

man aus der wohlbezeugten Verehrung von Tieren als solchen oder aus der noch heutzutage innerhalb eines großen Kulturvolkes bei den Indern vielfach beobachteten Vergötterung von Menschen schließen wollte, daß diese die einzigen oder auch nur die vornehmsten Quellen religiöser Vorstellungen seien. Jenen Wandelprozeß im einzelnen verfolgen, den Kern einer Kultgestalt aussondern und von nachträglichen Zutaten scheiden zu wollen, dies ist stets ein schwieriges, gar häufig ein aussichtsloses Beginnen. Allein daß solche Umwandlungen stattgefunden und den Gang der Religionsentwicklung aufs nachhaltigste beeinflußt haben, steht darum nicht minder fest. Doch an dieser Stelle ziemt es unserer Betrachtung, wieder in den bescheideneren Sonderpfad zurückzulenken, von dem sie ausgegangen ist.

6. Die griechischen Götter, die im Olymp um Zeus' Thron versammelt sind, die dem Gesang Apolls und der Musen lauschen und aus goldenen Pokalen Nektar schlürfen, die in Kriegsabenteuer und Liebeshändel aller Art verstrickt sind - wie wenig gleichen sie doch den frühesten und rohesten Erzeugnissen des religionsbildenden Triebes. Hier gähnt eine Kluft, die schier unüberbrückbar scheinen mag. Dieser Schein ist jedoch ein trügerischer. Dem genau Aufmerkenden zeigen sich bald so zahlreiche Zwischenstufen und Übergangsglieder, daß er kaum zu sagen weiß, wo die eine Wesenreihe anfängt und die andere aufhört, wo insbesondere der Naturfetisch endet und der menschenartige Gott beginnt. Vom obersten der olympischen Götter, von Zeus, sagt uns die vergleichende Sprachwissenschaft, daß er ursprünglich nichts anderes war als der Himmel selbst. Darum "regnet" er, darum schleudert er Blitze, darum versammelt er die Wolken. Die Erdgöttin heißt noch bei Homer bald die "breitbrüstige", bald die "breitstraßige" und schillert so chamäleonartig zwischen zwei einander widerstreitenden Auffassungen. Wenn ein alter theologischer Dichter¹ die "Erde" "hohe Berge" und auch den "gestirnten Himmel" erzeugen läßt, damit dieser sie rings umschließe, wenn die dem Himmel vermählte Erde den "tiefwirbeligen" Okeanos und diesem Tethys die "Ströme" gebiert, da stehen wir noch mit beiden Füßen im Bereiche bloßer Naturverehrung. Aber wenn der "schönfließende" Xanthos bei Homer² in seinem Gemüt erzürnt, als Achill sein Bett mit Leichen füllt, wenn er, von dem durch den Götterschmied Hephaestos entzündeten Feuer schwer bedrängt, Gefahr läuft zu versiegen und seinen Lauf hemmt, um dem Brande zu entrinnen, während er zugleich die weißarmige Hera, die ganz menschenartig gedachte Gemahlin des Götterkönigs, um Beistand gegen das wilde Treiben ihres

21 Vermenschlichung der Götter

Sohnes anfleht - : ist es da nicht, als ob uns zwei grundverschiedene Arten religiöser Gebilde gleichzeitig vor Augen lägen, zwei Gesteinsschichten vergleichbar, die eine Erdumwälzung regellos durcheinander gewirrt hat?

Die Frage nach der Ursache dieser Wandlung, die sich bei Griechen nicht weniger als bei zahlreichen anderen Völkern vollzogen hat, läßt sich etwa wie folgt beantworten. Das Wirken des Assoziationstriebes, welches zur Naturbelebung geführt hat, war an sich dazu angetan, die Verehrungsobjekte mehr und mehr zu vermenschlichen. Der Gedankenverknüpfung zwischen Bewegungen und Wirkungen einerseits, menschlichen Willensantrieben andererseits, schloß sich vorerst jene zwischen Willensantrieben und dem Inbegriff menschlicher Affekte und endlich auch zwischen diesem und der äußeren Menschengestalt sowohl als der Gesamtheit menschlicher Lebensverhältnisse an. Gehemmt wurde diese Entwickelung so lange, als der halb tierische, nur dem Gebot der Notdurft gehorchende, von wirklichen und eingebildeten Gefahren unablässig geängstigte Mensch sich selbst nicht würdig und bedeutend genug erschien, um jene übermächtigen Gewalten nach dem Ebenbilde seiner dumpfen Ohnmacht zu formen. Die allmählich erwachsenden Anfänge der Kultur wirkten nivellierend, der Abstand zwischen jenen Höhen und diesen Tiefen begann sich zu verringern. Es hat wohl niemals ein Volk gegeben, welches sich die großen Naturpotenzen als wurzel- und beerensuchende, halbverhungerte Wilde gedacht hat. Allein ein im Besitz reicher Jagdgründe befindlicher Stamm mag wohl von himmlischen Jägern sprechen, wie der germanische Wotan einer ist; und dem altindischen Herdenbesitzer gilt der Himmelsgott als ein Hirte, dessen Kühe die Wolken sind. Das unter der Gunst äußerer Umstände erwachende Streben nach Klarheit, Bestimmtheit und Folgerichtigkeit der Begriffe tritt verstärkend hinzu. So vage, verschwommene und widerspruchsvolle Vorstellungen, wie ein schmerzemfindender oder ein durch Zeugung entstandener Strom es ist, sie werden die Ausnahme, wo sie vordem die Regel waren. Ob Ahnenkultus oder Fetischismus früher vorhanden war, dies läßt sich vielleicht nicht mit Sicherheit entscheiden. Allein der Dämonismus mußte, so alt er auch sein mag, mit der steigenden Arbeitsteilung und Ausgestaltung des Lebens an Ausdehnung gewinnen; denn die Anlässe der Dämonenbildung, die Beschäftigungen und Lebenslagen der Menschen haben sich vervielfältigt. Die frei waltenden Geister setzen aber dem Gestaltungsdränge geringeren Widerstand entgegen als die natürlichen Verehrungsobjekte, und sie geben bald das Muster ab, nach welchem auch diese gebildet werden. Nichts hinderte und manches

22 Sieg des Polytheismus

forderte dazu auf (man denke an das vorhin über "Besessenheit" Bemerkte), die Dämonen den Seelen gleich in Leiber eingehen zu lassen; und was bei ihnen geschah, ward bald auf die Naturfetische übertragen. An die Stelle von willens- und bewußtseinsbegabten Naturobjekten und zum Teil an ihre Seite treten Geister oder Götter, die in äußeren Gegenständen nur ihren Wohnsitz haben und sich ihrer als Werkzeuge bedienen. Der also in einem Außending bloß wohnhaft gedachte, nicht mehr mit ihm verschmolzene Gott wird von dem Schicksal desselben unabhängiger; auch seine Wirksamkeit wird sich nicht durchweg in jener des Naturdinges erschöpfen; er wird einen Überschuß von Freitätigkeit gewinnen.

Ein lehrreiches Beispiel solchen Wandels bieten uns die anmutigen weiblichen Gestalten dar, welche die Griechen als Nymphen verehrt haben. Der homerische Lobgesang auf Aphrodite¹ kennt Baumnymphen, die an dem Reigentanz der Unsterblichen teilnehmen und sich im dunklen Schatten der Höhlen dem Hermes und den Silenen in Liebe gesellen. Allein die "Tannen" und "hochwipfligen Eichen", in denen sie hausen, sind zugleich noch mehr als ihre Wohnstatt. Denn die nur halbgöttlichen Wesen entstehen, erwachsen und sterben zugleich mit ihnen. Andere Nymphen unterliegen nicht mehr dem gleichen Verhängnis; sie bewohnen zwar Quellen, schöne Haine und grasreiche Auen, allein sie zählen zu den Unsterblichen selbst und fehlen nicht im großen Rat der Götter, wenn Zeus diesen in seinen glanzvollen Hallen versammelt. Wir dürfen hier wie folgt schließen. Es gab eine Zeit, in welcher der Baum selbst als belebt galt und Verehrung genoß. Ihr folgte eine andere Epoche, in der man als die Trägerin seines Lebens ein eigenes, von ihm ablösbares, aber doch mit seinem Schicksal eng verknüpftes Wesen ansah. Schließlich zerreißt auch dieses Band, das göttliche Wesen wird gleichsam frei und schwebt fortan, selbst unzerstörbar, über den vergänglichen Einzeldingen, denen es vorsteht. Dieser letzte und entscheidende Schritt ist zugleich derjenige, welcher den Polytheismus endgültig an die Stelle des Fetischismus gesetzt hat. Reste des letzteren haften dann nur noch an einigen großen, in ihrer Art einzigen Naturobjekten, wie die Erde, die Gestirne und der fabelhafte Okeanos es sind. Und auch hier treten den alten, vom Zuge der Vermenschlichung wenig ergriffenen Gestalten mehrfach andere, unter dem Einfluß der neuen Strömungen geformte Bildungen zur Seite. Wie es freie Dämonen gibt, die ganzen Klassen von Verrichtungen vorstehen, so fällt auch den von ihren Einzelobjekten entbundenen Naturgeistern eine verwandte Aufgabe zu; sie werden zu

23 Homerischer Götterglaube

dem, was man mit einem treffenden Ausdruck Art-Götter genannt hat, zu Wald- und Gartengöttern, Quell- und Windgöttem usw. usw. Gefördert ward dieser Umschwung, vom Einfluß des Dämonismus abgesehen, durch die fortschreitende Einsicht in die gesetzmäßige Gleichartigkeit ganzer Reihen von Wesen; er gewährte dem Verallgemeinerungstriebe des menschlichen Geistes eine erste Genugtuung, während dem künstlerischen Bildungs- und Gestaltungsdrang aus der Freitätigkeit der Götter ein schier unerschöpflicher Stoff erwachsen ist.

Die hier namhaft gemachten Bedingungen, auf welchen die fortschreitende Personifizierung und die ihr nachfolgende Idealisierung der göttlichen Gewalten beruht, waren im griechischen Volk im allerreichsten Maße vorhanden. Das Bedürfnis nach klarer Bestimmtheit der Vorstellungen mag zur ursprünglichen Ausstattung der hellenischen Geistesart gehören; die in dem größten Teil dieser Lande herrschende Helligkeit der Luft und Heiterkeit des Himmels, die scharfumrissenen Bergformen, die oft so weiten und doch zumeist begrenzten Horizonte haben sicherlich die ursprüngliche Anlage wesentlich gesteigert. Der Schönheitssinn mußte aus Landschaftsbildern, in welchen alle Elemente der Naturschönheit gleichmäßig vertreten und im engsten Raum vereinigt waren, aus dem Anblick schneeiger Gipfel und lachender Fluren, ernster Bergwälder und blumenbedeckter Wiesen, aus entzückenden Fernsichten und weiten Seeausblicken immer neue Nahrung saugen¹. Der Erfindungsgeist, der Kunsttrieb und die Lust zum Fabulieren endlich, welche sich später auf den mannigfachsten Gebieten in einer endlosen Fülle einander drängender Schöpfungen betätigt haben, sie mußten sich des ersten Stoffes, der sich ihnen darbot, bemächtigen und von ihm die ihnen anderweitig noch versagte Befriedigung verlangen.

Den Fortgang dieser Wandlungen im einzelnen zu verfolgen, dies wird uns durch die Beschaffenheit der uns erhaltenen Literaturdenkmale in hohem Grade erschwert. Man glaubte wohl ehedem in den homerischen Gedichten Erzeugnisse des Kindesalters des griechischen Geistes vor Augen zu haben. Schliemanns Spaten hat diesen Wahn zerstört². Eine hohe materielle Kultur hat in Ostgriechenland, auf den Inseln und am kleinasiatischen Küstensaum jedenfalls bald nach der Mitte des zweiten Jahrtausends geherrscht; die äußere Lebensgestaltung, welche die homerischen Dichter schildern, ist das Ergebnis einer vergleichsweisen langen, auf starker Einwirkung Ägyptens und des Orients beruhenden Entwickelung. Auch die Fürsten und Edlen, deren Tafelfreuden der Vortrag jener Gesänge würzen sollte, und die in reichgeschmückten, mit Metallplatten beschlagenen, mit Friesen von blauem

24 Verweltlichung der Religionsbegriffe

Glasfluß auf glänzend weißem Alabastergrund und mit kunstvoll skulpierten Decken verzierten Hallen schmausten und aus Goldbechern von getriebener Arbeit tranken - sie sind von allem Uranfänglichen gar weit entfernt. Die Gewalt der Leidenschaft freilich ist in ihrer Brust noch ungebändigt. Sonst hätte nicht der unersättliche Zorn Achills oder Meleagers einen Lieblingsgegenstand der dichterischen Darstellung gebildet. Wir werden an die Epoche gemahnt, die das Nibelungenlied entstehen sah, und in welcher aus der Fremde eingedrungene Verfeinerung der Lebensformen und des Geschmackes auf die noch ungebrochene Urkraft leidenschaftlichen Empfindens traf. Allein die scheue Furcht, die der primitive Mensch vor den übergewaltigen Naturmächten hegt, war längst aus den Gemütern gewichen. Die von stolzer Zuversicht erfüllten, vor der Not des Lebens sicher geborgenen Edlen hatten das Dasein der Götter mehr und mehr nach dem Muster des eigenen Daseins gestaltet. Der Olymp war ein Spiegelbild ihres prunkvollen und vielfach tumultuarischen Treibens geworden. Niemals wieder sind Götter und Menschen in so trauliche Nähe zusammengerückt, wobei die ersteren den letzteren nicht wenig von ihrer Würde, diese jenen gar viel von ihrer Schwäche mitteilten. Die Tugenden, welche man den Göttern zuschrieb, waren diejenigen, welche tapfere, trotzige, in der Freundschaft wie im Haß stetig ausharrende Krieger am höchsten zu schätzen wissen. Sie werden gleich diesen von starken individuellen Antrieben bewegt; das Band der Pflicht ist fast immer ein persönliches Treuverhältnis; in der Iliade wenigstens erscheinen sie nur ausnahmsweise als Hüter des Rechtes überhaupt. Ihren Schützlingen, die ihnen reiche Gaben spenden, den Städten, die ihnen prächtige Tempel weihen, den Stämmen und Geschlechtern, denen sie von alters her gewogen sind, stehen sie als treue Helfer unermüdet und unentwegt zur Seite. Sittliche Bedenken beirren sie hierin wenig; selbst Gewandtheit in Diebstahl und Meineid verleihen sie ihren besonderen Günstlingen. Von Recht oder Unrecht, von der Güte der Sache, der sie ihren Beistand leihen, ist selten die Rede. Wie könnten sonst mit gleichem Eifer und gleicher Hingebung die einen von ihnen den Troern, die anderen den Griechen sich hilfreich erweisen? Wie könnte selbst in der Odyssee, in welcher ethische Gesichtspunkte stärker hervortreten und das Schicksal der Freier geradezu wie ein göttliches Strafgericht erscheint, dennoch Poseidon den Dulder Odysseus mit unauslöschlichem Grimm verfolgen, Athene ebendemselben in jeder Fährlichkeit rettend und ratend beispringen?¹ Nur dem Machtspruch des obersten oder Himmelsgottes fügen sie sich, wenngleich gar häufig widerstrebend und nicht ohne vorher alle Mittel der List

25 Seltenheit der Menschenopfer

und des Truges erschöpft zu haben. Auch ruht die Gewalt des himmlischen Oberherrn - hierin augenscheinlich ihrem irdischen Vorbild gleichend - keineswegs auf dem unerschütterlichen Grunde des Gesetzes; sieht er sich doch nicht selten genötigt, die Befolgung seiner Gebote durch Drohungen, ja selbst durch gewalttätige Mißhandlung zu erzwingen. Eine einzige unverrückbare Schranke ist dem widerspruchsvollen Streben und Trachten der Himmlischen gesetzt: die dunkle Schicksalsmacht, das Verhängnis (die Moira), welchem Götter so wenig wie Menschen zu entrinnen vermögen und in dessen Anerkennung sich eine erste dämmerhafte Ahnung der Gesetzmäßigkeit alles Natur-Geschehens kundgibt. So erscheint denn in den ältesten Denkmälern des hellenischen Geisteslebens, welche wir besitzen, die Vermenschlichung der Götter bereits bis zu der äußersten Grenze fortgeschritten, welche mit anbetender Verehrung überhaupt noch vereinbar ist. Ja, an einzelnen Punkten wird auch diese Grenze überschritten. Jenes Liebesabenteuer des Ares und der Aphrodite, welches die Phäaken ergötzt und zu lauter Heiterkeit hinreißt, zeigt eine Verweltlichung der Religionsbegriffe, die sich - gleich dem ausschließlichen Schönheitskult des Cinquecento - kaum über weite Volkskreise hätte verbreiten können, ohne den Ernst religiösen Glaubens in seinem innersten Kern zu schädigen.

Wer sich von den Schauern der ältesten griechischen Religion ergreifen lassen will, darf diese nicht im Rahmen des höfischen Epos aufsuchen. Weltfreude und Weltlust, das hochgemute Behagen eines gesteigerten Daseins haben hier die finsteren Seiten des Glaubens in den Hintergrund gedrängt und, wenn der Ausdruck erlaubt ist, durch ihren Glanz überstrahlt. Dieser Sachverhalt erhellt am deutlichsten aus eben den vereinzelten Vorkommnissen, welche ihm zu widersprechen scheinen.

Der homerische Mensch glaubt sich immer und überall von Göttern umgeben und von ihnen abhängig. Alles Gelingen und Mißlingen, jeder glückliche Speerwurf, jedes Entrinnen des Feindes, wird der freundlichen oder feindlichen Einwirkung eines Dämons zugeschrieben; jeden sinnreichen Anschlag, jeden heilsamen Ratschluß hat ihm ein solcher in die Brust gelegt, jede sinnbetörende Verblendung hat er ihm gesendet. Die Huld der Himmlischen zu gewinnen, ihre Ungunst abzuwenden, darauf ist all sein Trachten gerichtet. An Notlagen der schwersten Art fehlt es nicht in den wechselvollen Kämpfen, welche insbesondere die Ilias uns vorführt. Dennoch wird den Göttern niemals das kostbarste der Besitztümer dargebracht, über welche der Opfernde zu verfügen hat - der Mensch selbst. Das Menschenopfer,

26 Totenopfer

welches der Religion der Griechen so wenig als jener der meisten übrigen Völker fremd ist und das hier bis in die hellsten geschichtlichen Zeiten hineinragt, es fehlt in dem Kulturbild, welches die homerischen Gesänge vor uns aufrollen¹. Oder vielmehr der grause Brauch wird in ihnen einmal erwähnt, aber es ist dies ganz eigentlich die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Bei der pomphaften Leichenfeier, welche Achill dem über alles geliebten Patroklos zu Ehren rüstet², werden neben zahlreichen Schafen und Rindern, neben vier Rossen und zwei Lieblingshunden zwölf trojanische Jünglinge zuerst geschlachtet und dann zugleich mit der Leiche des gefallenen Busenfreundes verbrannt. Die Form der Darbringung (das völlige Verbrennen der Opfer) ist eben jene, welche uns aus dem späteren Ritual als die im Dienst der Unterirdischen übliche bekannt ist. Die Leiche wird zunächst vom Blut der geschlachteten Tiere und Menschen umrieselt, die Seele wird als anwesend und durch die ihr dargebrachten Gaben geletzt und geehrt gedacht; Achill erfüllt damit, dies ruft er der Seele des Geschiedenen, da sie ihm nächtens erscheint, und wieder bei der Bestattung selbst zu, ein feierliches Gelöbnis. Allein seltsam genug: die Schilderung des entsetzlichen Vorgangs zeigt nichts von jener sinnfälligen Breite und Anschaulichkeit, die wir mit Recht die epische nennen und für Homer so bezeichnend finden. Der Dichter gleitet vielmehr, man möchte sagen mit absichtlicher Hast, über das Gräßliche hinweg. Es ist ihm und seinen Hörern innerlich fremd geworden, es erscheint wie das Erbstück einer einst lebendigen, nunmehr erstorbenen Welt von Vorstellungen und Empfindungen. Diesen Eindruck verstärken andere naheliegende Wahrnehmungen. Von Totenopfern blutiger gleichwie unblutiger Art, von Mordsühne, von Seelenund Ahnendienst und von der gemeinsamen Voraussetzung all dieser Kulthandlungen, dem Glauben an das Fortleben machtvoller, aus der Grabestiefe heraus mit gespenstischer Gewalt wirkender und darum stets neue Begütigung heischender Wesen zeigen uns die homerischen Dichtungen im übrigen kaum irgendeine Spur. Die Leiber werden allerdings von den Seelen überdauert, aber diese weilen fast ausschließlich im fernen, unterirdischen Totenreich als "kraftlose Häupter", als schwirrende Schatten, als blutlose Schemen, die nichts wirken und wenig bedeuten. Ganz anders in späterer und ganz anders - so können wir sicheren Funden und nicht minder sicheren Schlüssen vertrauend hinzufügen - in noch früherer Zeit. Es tut not, bei diesem für die Geschichte des Seelenglaubens und der Religion überhaupt so wichtigen Punkte zu verweilen.

27 Vor homerischer Seelenkult

7. Jene Opferung von Gefangenen oder Sklaven ist eine uraltertümliche und zugleich eine noch heutzutage weitverbreitete Bestattungssitte. Wenn die Skythen einen ihrer Könige beerdigten, so erdrosselten sie eine Kebsfrau desselben, desgleichen fünf Sklaven (den Leibkoch, den Mundschenk, den Kammerdiener, einen Roßknecht und einen Türsteher) und begruben diese ebenso wie seine Lieblingspferde mit ihm; außerdem gaben sie ihm eine Fülle kostbaren Gerätes, goldener Trinkschalen usw. ins Grab mit. Nach Ablauf eines Jahres wurden weitere fünfzig erlesene Sklaven erdrosselt, auf die gleiche Anzahl getöteter Rosse gesetzt und mit diesen wurde der Grabhügel wie mit einer Ehrenwache umstellt¹.

Mit der Aufzählung ähnlicher Bräuche, denen auch die indische Witwenverbrennung entstammt, ließen sich viele Blätter und Bogen füllen. Sie zeigen selbstverständlich eine lange Reihe von Abstufungen, vom Wilden und Barbarischen bis zum Zartsinnigen und Verfeinerten. Den Menschenopfern reihen sich Tieropfer, diesen Trankopfer und sonstige unblutige Darbringungen an. Güsse von Milch, Haarlocken und Blumenkränze empfängt in den Dramen des Äschylos und Sophokles das Grab des Agamemnon zu Mykenä. Die ebendaselbst neuerlich entdeckten, aus grauer Vorzeit herrührenden Königsgräber haben uns Überreste von weit wirksameren und vielsagenderen Opfergaben gezeigt: Tier- und auch Menschenknochen nebst einer Unzahl der wertvollsten Waffen, Trinkgefäße und anderer Gerätschaften². Auch bekunden diese gleichwie das zu Orchomenos in Böotien aufgedeckte Kuppelgrab durch die daselbst befindlichen Altäre, daß die Seelen der Verstorbenen ganz eigentliche Verehrung und Anbetung genossen. Der Ahnen- und Seelenkult, der kaum irgendeinem Volke gefehlt hat, ist noch heute unter den tiefstehendsten Wilden aller Erdteile so verbreitet wie im hochgesitteten China, von dessen Staatsreligion er den wesentlichsten Bestandteil ausmacht. Auch im Glauben der Völker arischer Zunge nimmt er eine hervorragende Stelle ein, bei Griechen nicht weniger wie bei Römern, denen die Ahnengötter "Manes", oder bei Indem, denen sie "pitaras" heißen³. So oft in Athen eine Familie erlosch, galt dies auch darum für unheilvoll, weil die Vorfahren derselben nunmehr der ihnen gebührenden Ehren verlustig wurden. Das ganze Volk und alle die zahlreichen, konzentrischen Kreisen vergleichbaren Gemeinschaften, aus welchen es sich zusammensetzte, beteten zu wirklichen oder vermeintlichen Ahnherren; und so tief wurde dieses Bedürfnis empfunden, daß selbst Berufsgenossenschaften, Zünfte oder Innungen einen gemeinsamen Stammvater erdichteten, wenn sie keinen besaßen. Diese Neigung hängt mit den Ursprüngen von Staat und Gesellschaft, die zunächst nur als

28 Jonische Weltfreudigkeit

erweiterte Familienkreise galten, eng zusammen. Hier kümmert uns nur ihre tiefste Wurzel: die Annahme des Fortlebens der Seelen als mächtiger, Glück und Unglück der Lebenden nachhaltig beeinflussender Wesen. Den Ursprung dieses Glaubens haben wir bereits kennengelemt; die Wandlungen, die er erfahren hat, werden uns späterhin beschäftigen; jetzt gilt es nur, einen die geschichtliche Einsicht trübenden Mißverstand zu beseitigen.

Daß die Seelen bei Homer sich zu blassen, wirkungslosen Schatten verflüchtigt haben, und daß der ihnen geweihte Kult und die aus demselben erwachsenen Bräuche demgemäß in jenen Gesängen so gut als verschollen sind, dies hätte angesichts des Zeugnisses, welches die vergleichende Völkerkunde liefert, niemals die Meinung aufkommen lassen sollen, daß uns im Epos die älteste Gestalt dieses Teiles der hellenischen Religion vor Augen liege. Die Funde, welche aus der Kulturperiode stammen, die man jetzt die mykenische nennt, haben den letzten Rest jedes noch möglichen Zweifels zerstreut. Welche Ursachen es waren, die diesen sicherlich nicht nur zeitlich, sondern auch örtlich begrenzten, ja zunächst wahrscheinlich auf bestimmte Volksklassen beschränkten Wandel der Religionsvorstellungen erzeugt haben, diese Frage läßt sich zurzeit nur durch Vermutungen beantworten. Man hat der in jener Epoche zur Herrschaft gelangten Verbrennungssitte und der an sie geknüpften, deutlich ausgesprochenen Vorstellung, daß die verzehrende Flamme den Leib endgültig von der Seele scheide und diese in das Reich der Schatten verbanne, hierbei einen maßgebenden Einfluß zugeschrieben.¹ Die räumliche Trennung der Kolonisten von den Ahnengräbern und den dazu gehörigen Kultstätten des Mutterlandes mag kaum weniger in Rechnung zu ziehen sein. Von erheblichem Belang ist aber jedenfalls der allem Finstern und Düstern abgeneigte weltund lebensfrohe Sinn, der die homerischen Dichtungen überhaupt durchwaltet und der alles Unheimliche und Spukhafte nicht minder als alles Unschöne und Fratzenhafte aus seinem Gesichtskreise zu entfernen liebt. Nicht nur die Seelengespenster, auch gespenstische Gottheiten, wie Hekate eine ist, ungeheuerliche Dämonen wie die fünfzigköpfigen und hundertarmigen Riesen, rohe und grause Urweltsagen wie jene von der Entmannung des Uranos, treten in den Hintergrund; Unholde von der Art der "Rundaugen" (Kyklopen) erfahren eine mehr spielende und humorvolle Behandlung². Darf dort wie hier der mählich erstarkte Schönheitssinn und das von der fortschreitenden materiellen Kultur getragene urkräftige Lebensbehagen als der vornehmste Faktor gelten? Oder sollten wir in der Tat berechtigt sein, dem Volksstamm, welcher

29 Mythische Naturerklärung

Philosophie und Naturwissenschaft geschaffen hat, bereits in jener frühen Zeit die Anfänge verstandesmäßiger Aufklärung beizumessen? Mit anderen Worten, ist es der geniale Leichtsinn oder der geniale Lichtsinn des jonischen Stammes, den wir für die bei Homer erkennbare Umgestaltung der Seelenvorstellungen in erster Reihe verantwortlich machen dürfen? Die Frage läßt sich zur Stunde nicht mit Sicherheit entscheiden. Daß sie überhaupt gestellt werden kann, dies wird der jüngst auf diesem Forschungsgebiete betätigten Geistesschärfe und analytischen Kraft eines hervorragenden Zeitgenossen (Erwin Rohde, † 1898) verdankt.

8. Die Vermenschlichung der Natur hat nicht nur dem allmählich zum Kunsttrieb geadelten Spieltrieb der Phantasie einen schier unerschöpflichen Stoff geliefert. Auch dem wissenschaftlichen Sinn, dem Verlangen nach Lichtung des ungeheuren Dunkels, in dessen Mitte wir leben und atmen, bot sie die früheste Befriedigung. In Wahrheit ist die unwillkürliche, dem ungehemmten Walten der Ideenassoziation entspringende Voraussetzung, daß die Vorgänge der Außenwelt den Antrieben willensbegabter Wesen entstammen, an sich zugleich eine Antwort auf die unvermeidliche Frage nach dem Warum und Woher der Erscheinungen - eine Art von Naturphilosophie, die in dem Maße, als die Beobachtung eine immer größere Zahl von Phänomenen umspannt und die Gestalten der als Lebewesen angesehenen Naturpotenzen eine stets schärfere Ausprägung erfahren, unendlicher Ausdehnung fähig ist. Der Urmensch ist nicht nur ein Dichter, der an die Wahrheit seiner Dichtungen glaubt, er ist in seiner Art auch ein Forscher; und der Inbegriff von Antworten, die er auf die sich ihm unablässig aufdrängenden Fragen erteilt, verdichtet sich mehr und mehr zu einem allumfassenden Gewebe, dessen einzelne Fäden wir Mythen nennen. Beispiele von solchen bieten uns die Volkssagen aller Zeiten und Nationen, zum Teil in auffälligster Übereinstimmung, zum Teil in nicht minder bezeichnendem Widerspruch. Die zwei größten Himmelskörper gelten fast sämtlichen Völkern als ein zusammengehöriges Paar, sei es von Gatten, sei es von Geschwistern; und unzählbar sind die Sagen, durch welche die Phasen des Mondes als Wanderungen der Mondgöttin, die gelegentlichen Verfinsterungen von Sonne und Mond als Folgen teils eines häuslichen Zwistes, teils der feindlichen Nachstellungen von Drachen und Ungeheuern ihre Erklärung finden¹. Warum verliert die Sonne im Winter ihre Kraft? Weil der Sonnengott (Simson) - so antwortet der Semite - sich von der als sinnbetörende Verführerin gedachten Nachtgöttin beschwatzen und seines glänzenden Haarschmuckes berauben

30 Prozeß der Personifikation

ließ; ist erst mit den langen Locken (den Strahlen) seine Stärke von ihm gewichen, so wird er ohne Mühe geblendet. Dem alten Inder gelten die Wolken als Kühe; werden sie gemolken, so strömt der labende Regen herab; bleibt das erquickende Naß lange Zeit aus, so sind es böse Geister, welche die Kuhherden geraubt und in Felsenhöhlen geborgen haben. Der Himmelsgott (Indra) muß im Sturm herniederfahren, um die Herden aus ihrer Haft zu befreien und den Räubern zu entreißen. Das furchtbare Schauspiel, welches ein feuerspeiender Berg den Blicken des Naturmenschen darbietet, erscheint diesem ohne weiteres als das Werk eines in den Tiefen der Erde hausenden Dämons. Gar viele Völker begnügen sich mit dieser Erklärung, aber eines oder das andere stellt sich die weitere Frage: Wie ist es geschehen, daß ein soviel vermögender Dämon in die unterirdische Finsternis gebannt ward? Die nahezu selbstverständliche Antwort lautet: Er ist im Kampf mit einem noch mächtigeren Wesen unterlegen. So die Griechen, denen Typhon und Enkelados als überwundene, für ihre Vermessenheit schwer gestrafte Gegner des großen Himmelsgottes gelten. Die Erde bringt immerdar Früchte aus ihrem Schoß empor; wie sollte sie nicht ein weibliches Wesen sein, und wer anders könnte sie befruchtet haben, als der über ihr ausgespannte Himmel, der den lebenerweckenden Regen zu ihr herabsendet? Der allverbreitete Mythos hat mannigfache Ausgestaltungen erfahren. Warum - so fragen Maoris und Chinesen, Phönizier und Griechen - sind die Gatten nunmehr soweit voneinander entfernt, statt, wie es einem Liebespaare ziemt, in traulicher Nähe beisammen zu wohnen?¹ Die Bewohner Neuseelands antworten mit der Erzählung wie es den Sprößlingen Rangis (des Himmels) und der Papa (der Erde) an Raum gebrach, so lange diese innig vereinigt waren. Da entschlossen sie sich denn endlich, der bedrückenden Enge und dem auf ihnen lastenden Dunkel zu entrinnen, und einem von ihnen, dem mächtigen Gott und Vater der Forste, gelang es nach manchen vergeblichen Anstrengungen seiner Brüder, das Elternpaar gewaltsam auseinanderzusprengen. Allein die Liebe der Gatten hat die Trennung überdauert. Aus der Brust der Mutter Erde steigen noch immer sehnsüchtige Seufzer zum Himmel empor, welche die Menschen Nebel nennen; und den Augen des betrübten Himmelsgottes entquellen gar häufig Tränen, welche die Menschen Tautropfen heißen. Die sinnige und hochpoetische Sage der Bewohner Neuseelands liefert uns den Schlüssel zum Verständnis eines ähnlichen, aber ungleich roheren, uns nur fragmentarisch überlieferten griechischen Naturmythos. Die Erde - so erzählt uns Hesiod² - war bedrückt und beengt durch die gewaltige Zahl ungeheurer Sprößlinge,

31 Ursprung des Übels

welche der Himmel mit ihr erzeugt hatte, die er aber nicht ans Licht gelangen ließ, sondern in ihre Tiefen hinabdrängte. Auf seufzend unter der sie beschwerenden Last, ersinnt sie einen tückischen Anschlag, dessen Ausführung sie einem ihrer Söhne anvertraut. Mit scharfgeschliffener Sichel verstümmelt Kronos den Vater Uranos, setzt seinen weiteren Zeugungen ein Ziel, hindert ihn, der Gaia wieder "sich weithin über sie breitend" in Liebe zu nahen, und schafft - so dürfen wir hinzufügen - dadurch Raum für die bis dahin in ihren Schoß hinabgedrängten Söhne und Töchter.

Der Prozeß der Personifikation - soviel konnten wir bereits erkennen - macht nicht bei Gegenständen Halt, er erstreckt sich auf Kräfte, Eigenschaften und Zustände. Die Nacht, die Finsternis, der Tod, der Schlaf, die Liebe, die Begierde, die Verblendung - sie alle gelten auch den Griechen als individuelle Wesen, deren Persönlichkeit freilich in ungleichem Maße ausgestaltet ward. Die einen sind zu voller Verkörperung gelangt, während andere sich von ihrem begrifflichen Hintergründe nicht mehr abheben, als ein Flachrelief von seiner Wand. Auch die zwischen diesen Kräften oder Zuständen obwaltenden Beziehungen werden nach menschlichem oder tierischem Vorbild gedeutet; die Ähnlichkeit z. B. als das Band der Verwandtschaft - der Tod und der Schlaf sind Zwillingsbrüder - , die Aufeinanderfolge als Abstammung; so ist der Tag der Sprosse der Nacht oder umgekehrt. Alle Gruppen gleichartiger Wesen erscheinen - und diese Denkstufe hat auch unserer Sprache tiefe Spuren eingedrückt - als Sippen, Gattungen oder Geschlechter. Die Gewohnheit endlich, einen dauernden Sachverhalt oder stets wiederkehrende Vorgänge der Außenwelt durch mythische Fiktionen zu erklären, führt dazu, auch die großen Rätsel des Menschendaseins und des Menschenschicksals in gleicher Weise zu lösen. Warum - so fragt in trüber, von Pessimismus angehauchter Zeit der Grieche - werden die Güter des Lebens von seinen Übeln überwogen? Die Frage setzt sich ihm sofort in die andere um: Welches Ereignis und welche Person hat das Übel in die Welt gebracht? Seine Antwort gleicht im wesentlichen derjenigen, die ein moderner Franzose, der zahlreiche Verbrechen bis zu ihrem letzten Quellpunkte verfolgt hat, in die Worte faßte: "Suchet das Weib!"¹ Allein der alte Hellene hat seine Anklage des schwächeren und reizvolleren Teiles der Menschheit in die Gestalt eines angeblichen einmaligen Begebnisses gekleidet. Er erzählt uns, wie Zeus zur Strafe für den Feuerraub des Prometheus und die ihr entspringende Überhebung der Menschen im Verein mit den anderen Göttern ein mit allen Reizen geschmücktes Weib, die

32 Hesiodos von Askra

Stamm-Mutter aller Frauen, geschaffen und zur Erde gesandt hat. Ein andermal erscheint dem über dieselbe düstere Frage grübelnden Griechen die Neugier oder Wißbegier als die Wurzel alles Übels. Hätten uns die Götter - so sagt er sich - mit allen Gütern gesegnet, alle Übel in ein Gefäß verschlossen und uns eindringlich gewarnt, dieses zu öffnen, die menschliche, vor allem die weibliche Neugier hätte des göttlichen Verbotes nicht geachtet. Beide Mythen verschmelzen zu einem: das von den Göttern mit allen Gaben der Verlockung ausgestattete Weib (Pandora, die "Allgabe") ist es, welches, von Neugier gestachelt, den Deckel der verhängnisvollen Truhe lüftet und seinen verderblichen Inhalt entschlüpfen läßt. Wieder überrascht uns die wunderbare Gleichartigkeit des mythischen Schaffens bei den verschiedensten Völkern. Oder tut es not, an die verwandte Sage der Hebräer von Eva ("der Erzeugerin") und den verhängnisvollen Folgen ihrer frevelhaften Neugier zu erinnern?

9. Die Fülle der Mythen, die Menge der Götter, sie mußten den Sinn der Gläubigen zuletzt verwirren und ermüden. Glich der Naturwuchs der Sagenwelt doch einem pfadlosen Urwald, dessen alte Stämme stets neues Rankwerk überwuchert. Die lichtende Axt war hier vonnöten, und es sollte an der nervigten Faust nicht fehlen, welche sie zu führen wußte. Bauernkraft und Bauernverstand haben das gewaltige Werk vollbracht. Vor uns steht der älteste Lehrdichter des Abendlandes, Hesiodos aus Askra in Böotien (8. Jahrhundert v. Chr. G.), der Sohn einer Landschaft, in welcher die Luft minder leicht und der Menschensinn minder heiter war als in anderen Teilen von Hellas: ein Mann von klarem, aber etwas schwerem Geiste, in Haus- und Feldwirtschaft wohl erfahren und auch in Rechtshändeln bewandert, von vergleichsweise geringem Schwung der Einbildungskraft und noch geringerer Weichheit des Gemütes - gleichsam ein Römer unter Griechen. Dem Verfasser der "Werke und Tage" war nüchterne Verständigkeit, die strenge Ordnungsliebe und der peinliche Sparsinn eines guten Hauswirts eigen, der an glatte, runde Rechnung gewöhnt ist, den jeder Widerspruch stört und der allen Überfluß meidet. In diesem Geiste nimmt er auch, man möchte sagen, das Inventar der Götterwelt auf, reiht jede der übermenschlichen Gestalten in das Gefüge seines Fachwerks ein und in den festen Rahmen genealogischen Zusammenhanges. Er beschneidet die üppigen Triebe der epischen Dichtung, bringt die uralten, zum Teil nur mehr halbverstandenen Überlieferungen des Mutterlandes und des niederen Volkes auch dort, wo sie Unschönes und

33 Hesiods Theogonie

Ungeschlachtes bieten, wieder zu Ehren, und schafft so in seiner "Theogonie" ein im großen und ganzen in sich wohlgeschlossenes, nur selten von echter Poesie durchleuchtetes, kaum jemals von wahrer Lebensfreude durchwärmtes Gesamtbild. Schon das frühe Altertum liebte es, die Namen Homers und Hesiods als derjenigen, welche den Griechen ihre Götterlehre gegeben haben, zu paaren¹. In Wahrheit sind die beiden Gegenfüßler. Die fessellos waltende, durch Widersprüche der Sage wenig beirrte Phantasie jonischer Sänger ist der hausbackenen, systematisierenden Weisheit des böotischen Landmannes nicht weniger entgegengesetzt als der stolze, gehobene Lebensmut ihrer adeligen Hörer sich von dem düstern Sinn der gedrückten Bauern und Ackerbürger abhebt, für welche Hesiod gedichtet hat.

Die "Theogonie" enthält zugleich, eine Kosmogonie, die "Götterentstehung" schließt die Weltentstehung in sich. Uns kümmert hier vorzugsweise die letztere, und wir lassen zunächst dem Lehrdichter das Wort. Zuerst - so verkündet er uns - entstand das Chaos, dann die breitbrüstige Gaia (Erde), ferner der Eros, der schönste der Götter, der den Sinn der Menschen wie der Unsterblichen bezwingt und die Kraft ihrer Glieder löst. Aus dem Chaos ging das Dunkel und die schwarze Nacht hervor. Aus der Verbindung beider entsprang der lichte Äther und die Häēmera (Tag). Die Gaia erzeugte zuvörderst aus sich selbst den gestirnten Himmel (Uranos), desgleichen die hohen Berge und den Pontos (das Meer); dann im Verein mit Uranos den die Erde umfließenden Strom Okeanos und eine lange Reihe von Sprößlingen, darunter - neben gewaltigen Ungetümen einer- und fast allegorisch zu heißenden Wesen andererseits - die Kyklopen genannten Blitzgötter sowohl als die große Meergöttin Tethys. Aus der Vermählung des Okeanos und der Tethys gehen die Quellen und Flüsse hervor; zwei andere Kinder des Himmels und der Erde erzeugen den Sonnengott, die Mondgöttin und die Morgenröte. Die letztere gebiert dem Sterngott (Astraeos), der gleich ihr ein Enkel des Himmels und der Erde ist, die Winde, ferner den Morgenstern und die übrigen leuchtenden Sterne des Himmels.

Ein Teil dieser Darlegung zeigt das Gepräge kindlicher Einfalt und bedarf kaum eines Wortes der Erläuterung. "Das Kleinere geht aus dem Größeren hervor"; darum sind die Berge aus der Erde erwachsen, darum steht der gewaltige Okeanos zu den geringeren Strömen und Flüssen im Verhältnis des Vaters zu seinen Söhnen, darum ist der kleine Morgenstern der Sohn der weithin verbreiteten Morgenröte; und was sollten die übrigen Sterne anderes sein als seine Brüder?

34 Gedankengehalt der Theogonie

Minder selbstverständlich ist es, daß der Tag aus der Nacht entspringt. Denn auch die entgegengesetzte Vorstellung ist an sich zulässig; und in Wahrheit fragt ein altindischer Hymnendichter, ob der Tag vor der Nacht, oder die Nacht vor dem Tag geschaffen sei¹. Allein die durch Hesiod vertretene Meinung darf vielleicht die naturgemäßere heißen. Erscheint uns doch die Finsternis als ein an sich dauernder, keiner Erklärung bedürftiger Zustand, während die Helligkeit jedesmal durch ein besonderes Ereignis hervorgerufen wird, es sei dies nun der Aufgang der Sonne, der Blitz des Gewitters, oder die durch Menschenhand erfolgende Entzündung einer Flamme. Sind es insoweit gleichsam Urgedanken des grübelnden und sinnenden Menschengeistes, die vor uns liegen und uns ihre eigene Geschichte erzählen, so steht es einigermaßen anders in betreff des wichtigsten Teiles dieser Darstellung, desjenigen, der den eigentlichen Weltursprung schildert.

Hier befremdet uns zunächst die Kürze und Dürre der Darlegung. Chaos, Gaia, Eros - die drei treten wie mit dem Glockenschlag nacheinander aus den Kulissen hervor. Kein Wink belehrt uns über den Grund ihres Auftretens. Ein nacktes "dann aber" knüpft die Entstehung der Erde an jene des Chaos; wie diese zu denken sei, ob die Erde aus dem Chaos hervorgehe oder nicht, und wenn ersteres, durch Vermittelung welcher Prozesse - dies wird uns mit keinem Sterbenswörtchen verraten. Kein Wort auch darüber, was der Liebesgott an so hervorragender Stelle zu bedeuten habe². Es liegt freilich nahe genug zu sagen: damit Zeugungen stattfinden können, muß vorerst das ihnen zugrunde liegende Zeugungs- oder Liebesprinzip in die Welt getreten sein. Allein warum macht der Lehrdichter davon im folgenden nicht den mindesten Gebrauch? Warum deutet er den beabsichtigten Zusammenhang mit keiner Silbe an? Ja, warum - so dürfen wir weiter fragen - verschleiert er ihn vielmehr? Lassen doch die Beiworte, die dem Eros hier erteilt werden, und die Art, wie er an einer späteren Stelle neben Himeros (der Begierde) im Gefolge der Aphrodite erscheint, an alles andere eher denken, als an das gewaltige, lebenschaffende, weltbildende Urwesen, welches hier allein an seinem Platze ist und dem wir allerdings in anderen kosmogonischen Versuchen wieder begegnen werden - in Versuchen, die uns auch sein Entstehen und die Aufgabe, die es zu erfüllen hat, deutlich werden erkennen lassen. Eines ist sonnenklar. Wer den Prozeß der Weltbildung in so summarischer, die wesentlichsten Punkte nur obenhin streifender Weise schildert, wie Hesiod, der ist durch eine weite Kluft von denjenigen getrennt, welche das ungeheure Rätsel mit dem ganzen

35 Das Chaos

Aufgebot ihrer kindlichen Denkkraft zu lösen bemüht waren. Er gibt uns eine bloße Hülse und Schale, die einst einen lebendigen Inhalt geborgen haben muß; denn sonst wäre sie nicht vorhanden, so wenig als die Muschel ohne das Muscheltier, das sie vordem erzeugt und bewohnt hat. Wir blicken in ein Herbarium von Gedanken, deren Wachstum und allmähliche Entfaltung zu belauschen uns nicht mehr vergönnt ist. An die Stelle der unmittelbaren Wahrnehmung muß ein Schlußverfahren treten, dessen Ausgangspunkt die Bedeutung der vom Dichter wohl nur mehr mit halbem Verständnis gebrauchten Namen bildet. Aus diesen Namen haben wir den Gedankenprozeß zu erschließen, dessen Rückstand und Niederschlag sie darstellen. Gefördert werden wir hierbei durch die Erwägung verwandter Erscheinungen, die uns bei anderen Völkern sowohl als bei den Griechen selbst aufstoßen. Das Wesen des Eros haben wir bereits in Kürze gekennzeichnet. Es gilt zunächst, die Bedeutung des Chaos zu begreifen.

Dasselbe kommt dem leeren Raum so nahe, als das sinnende Grübeln des primitiven Menschen den spekulativen Begriffen fortgeschrittener Denker sich zu nähern vermag. Jener versucht es, sich einen Urzustand auszumalen, der dem gegenwärtigen Weltzustand so fern als möglich steht. Die Erde mit allem, was sie trägt und enthält, war einst noch nicht vorhanden; auch die Himmelsdecke fehlte. Was bleibt dann übrig? Ein aus der höchsten Höhe in die tiefste Tiefe sich Erstreckendes, eine nach beiden Seiten hin unermeßliche Fortsetzung des allezeit zwischen Himmel und Erde gähnenden Leeren. Die Babylonier nennen es"Apsū", den Abgrund, oder "Tiāmat"¹ die Tiefe, den Skandinaviern heißt es "ginnunga gap" (the yawning gap), das klaffende Leere - eine Bezeichnung, deren zweiter Teil mit unserem "gaffen" zusammenhängt, während der erste aus derselben Wurzel stammt, der unser "Gähnen" entsprungen und aus welcher auch das griechische "Chaos" gebildet ist. Diese gähnende Leere, diese klaffende Tiefe wird überdies dunkel oder finster gedacht, aus dem einfachen Grunde, weil der Voraussetzung gemäß, aus der diese ganze Vorstellung erwachsen ist, noch keine der Quellen, welche uns Licht spenden, vorhanden war. Dieser Umstand hat es auch bewirkt, daß die Einbildungskraft des Betrachters weit mehr in der Tiefe als in der Höhe des Chaos weilt, da das Bild der letzteren in seinem Geiste mit Licht und Glanz nahezu unauflöslich verschwistert ist. Dieses Chaos nimmt für ihn den ganzen Raum ein, den er kennt oder vermutet und mit welchem sein Geist sich zu beschäftigen gewohnt ist. Denn über die Erde und ihren Anhang, die mit den Himmelslichtern versehene, über sie ausgespannte

36 Personifizierte Abstraktionen

Decke, reicht weder sein Wissen noch sein Denken; ja selbst sein Ahnen und sein neugieriges Fragen schweift nicht weiter. Er ist am Ende seines Witzes angelangt, wenn er den Abstand zwischen Himmel und Erde sich ins Unermeßliche verlängert denkt. Die beiden anderen Dimensionen des Raumes kümmern ihn wenig, weshalb es denn gleichmäßig verfehlt scheint, ihn denselben eine endliche oder eine unendliche Ausdehnung beimessen zu lassen.

So hat denn Hesiod nicht nur das Inventar völlig naiver Volkssagen, sondern auch jenes der ältesten spekulativen Versuche aufgenommen. Letzteres freilich in so roher und unvollständiger Weise, daß seine wenigen Andeutungen uns nur über das Vorhandensein jener Versuche schon zu seiner Zeit und ihre allerallgemeinsten Umrisse vergewissern können. Ihren genaueren Inhalt werden wir aus späteren Aufzeichnungen, freilich nur mit annähernder Sicherheit, zu ermitteln trachten. Dort wird auch der geeignete Ort sein, die Denkstufe, welcher jene Versuche angehören, eingehender zu kennzeichnen. Doch wollen wir von Hesiod nicht scheiden, ohne noch auf eine Seite seiner Darstellung hinzuweisen, die gleichfalls ein mehr spekulatives Gepräge trägt. Eine Anzahl der Wesen, die er uns vorführt und in seine Genealogien verflicht, zeigt wenig oder gar nichts von jener lebensvollen Ausgestaltung, welche den Erzeugnissen naiven Volksglaubens eigen zu sein pflegt¹. Daß z. B. "lügenhafte Reden" jemals ernstlich als persönliche Wesen gegolten haben, wird schwerlich jemand glauben können. Und doch erscheinen diese inmitten der Nachkommenschaft der Eris (des Streites), welche nicht minder die "mühevolle Arbeit", die "tränenreichen Schmerzen", die "Schlachten und Metzeleien" in sich schließt. Nicht anders steht es mit den Sprößlingen der Nacht, zu welchen nicht nur vergleichsweise lebensvolle mythische Figuren wie eben die Eris, der Schlaf und der Tod, die Moiren (Schicksalsgöttinnen) usw., sondern auch bloße schemenhafte Personifikationen zählen, wie das "verderbliche Alter" und der "Betrug" es sind - der letztere offenbar darum, weil er das Licht scheut, das erstere aus keinem anderen Grunde, als weil alles Widerwärtige und Unerfreuliche zur Domäne des Dunkeln und Finstern zu gehören scheint, etwa wie auch wir von "schwarzen Sorgen" oder "trüben Gedanken" sprechen. Wieweit Hesiod auch hier von Vorgängern abhängig ist, wer wollte dies entscheiden? Doch wird man in den rein gedankenhaften Zutaten vielleicht am ehesten den Ausfluß seiner eigenen Geistesart erblicken dürfen.

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